BP: Diskussion über den Boykott

Am 12. Juli ist im Neuen Deutschland ein interessanter Artikel erschienen. Unter der Überschrift „Soll man BP boykottieren?“ hat Peter Nowak sich Gedanken über unseren internationalen Boykott-Aufruf gemacht. Und er war nicht der einzige, der sich mit unserem Boykottaufruf kritisch auseinander gesetzt hat.

Natürlich haben wir alle Einwände sehr ernst genommen und uns damit auseinandergesetzt. Hier die fünf wichtigsten Einwände gegen den Boykott und unsere Meinung dazu:

1. „Es hätte auch jede andere Ölfirma treffen können.“

Das ist in der Tat wahr. Aber deshalb doch nur umso schlimmer! Natürlich gibt es keinen „guten“ Ölkonzern. Alle streben nach maximalem Gewinn. Da wird (nicht nur) an der Sicherheit gespart. Bei BP war es nun aber besonders massiv: Die Sicherheitsvorrichtung, die das Unglück wahrscheinlich hätte verhindern können, hätte 500.000 Dollar gekostet. Sie ist „eingespart“ worden. Insgesamt gibt der BP-Konzern jährlich nur etwa 20 Millionen Dollar für die Sicherheit aus. Das ist weniger als ein Zehntausendstel des jährlichen Umsatzes. Diese hemmungs- und rücksichtslose Profitgier hat elf Menschen das Leben gekostet und eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten verursacht. Damit sticht BP aus der Riege der in ihrer Profitsucht verbrecherisch agierenden Ölkonzerne besonders hervor. Am Beispiel BP lassen sich so über den Boykott leicht das bei allen Öl- (und anderen) Konzernen grundlegende Prinzip verdeutlichen und entsprechende weitergehende Aktionen entwickeln. Weitergehende Aktionen aber schließen eine niedrigstufigere Aktion wie einen Boykott nicht aus. Der Boykott gegen BP ist entsprechend trotz der konkurrierenden Existenz anderer Öl-Konzerne durchaus sinnhaft.

2. „Das venezolanische Öl ist auch nicht sauberer.“

Da wir unser Öl in der Regel von Konzernen wie BP (über die Aral-Tankstellen), Shell, Exxon, Chevron und Total beziehen, ist es nicht nur gerechtfertigt, diesen Konzernen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, sondern sogar dringend geboten. Natürlich kann jederzeit - ähnlich dem ersten Argument - die Kritik darüber hinaus greifend prinzipiell gegen die gesamte Öl-Industrie gewendet werden. Wobei es aber sicher einer zwischen kapitalistischen und staatlichen Konzernen differenzierenden Argumentation bedarf, da es durchaus unterschiedliche ökonomische und gesellschaftliche Grundlagen der Öl-Förderung gibt - unabhängig von der gleich gelagerten Sicherheits- und Ökologie-Problematik. Auch vor diesem Hintergrund behält der BP-Boykott seinen Sinn.

3. „BP steht kurz vor der Pleite. Durch einen Boykott wird der Konzern nur schneller ein Übernahme-Kandidat.“

So sehr wir einen BP-Boykott für eine sinnvolle Protestform in der aktuellen Auseinandersetzung halten, so sehr halten wir es für absurd, zu meinen, dass ein Boykott derart lange und tiefgreifend Wirkung zeitigen könnte, um einen 240-Milliarden-Dollar-Umsatz-Konzern in den Untergang zu treiben. Selbst vor dem Hintergrund von imagebedingten Kurseinbrüchen und Milliarden-Strafen. Ein Boykott ist nicht mehr und nicht weniger als eine „Strafaktion“. Sie demonstriert Meinung in der Form einer Verweigerung. Sie wird entsprechend eine Firma mehr oder weniger hart treffen. Im Fall von BP und im Fall dieses Boykotts eher weniger hart.

Wie BP als viertgrößter Konzern der Welt in sich ruht, zeigt übrigens auch die Tatsache, dass der Konzern selbst noch nicht einmal davon redet, dass Kurseinbrüche oder die 20 Milliarden Dollar, die er zahlen soll, Übernahme- oder gar ruinöse Gefahren herauf beschwören würden. Wobei wir allerdings eine Übernahme letztendlich gar nicht ausschließen können, da in dieser kapitalistischen Welt Übernahmen zum Alltag gehören.

Ein Boykott ist also neben dem Protestschreiben eine der wenigen Möglichkeiten, die der Einzelne hat, um seine Unzufriedenheit und seine Kritik deutlich zu machen.

4. „Alle Tiefseebohrungen sind gefährlich und müssen gestoppt werden.“

Das sehen wir genauso. Offensichtlich sind Ölbohrungen in solcher Tiefe ein unabschätzbares Risiko, das die Konzerne aber dennoch auf Grund ihrer Profitgier systematisch verdrängen. Bis es zu spät und der Unfall geschehen ist. Und dann zeigt sich, dass für dieses Katastrophenszenario kein Krisenmanagement existiert. Unser Boykott fordert, dass bereits entstandene Schäden tatsächlich bezahlt und beseitigt werden. Und wir haben mittlerweile die Forderung aufgenommen, alle Tiefseebohrungen einzustellen - und vor allem keine neue im Mittelmeer vor Libyen zu beginnen! Mit den Protestmails, die von unserer Webseite aus verschickt werden können, signalisieren wir BP, dass es eine kritische Öffentlichkeit gibt, die bestimmte Forderungen vertritt und darauf achtet, was der Konzern tut. Auch hier also erfüllt der Boykott eine sinnvolle Funktion.

5. „Das Problem sind nicht die Ölkonzerne, sondern der Ölbedarf der Gesellschaft.“

Abgesehen davon, dass die oben erwähnte Rücksichtslosigkeit, die der Profitgier der Konzerne geschuldet ist, durchaus ebenfalls ein Problem ist, stimmt es natürlich, dass sie einen Markt versorgen, der nun mal existiert und durchaus problematisch ist. Dementsprechend befürworten wir natürlich eine ökologisch orientierte Verkehrsorganisation. Ein politisches Umdenken wird immer dringender, entsprechend muss das politische Handeln ausgerichtet werden. Doch erübrigen sich damit weder der Boykott noch der Protest gegen den für die Ölkatastrophe und elf getötete Menschen verantwortlichen BP-Konzern. Zumal auch hier der Boykott die Debatte über Alternativen zur ölbasierten Gesellschaft beflügeln kann.

„ethecon - Stiftung Ethik & Ökonomie“ hält den Boykott von BP weiterhin für sinnvoll, befürwortet durchaus weitergehende und weiterführende Aktionen. Falls Sie den Boykott noch nicht unterstützt haben, tun Sie es mit einer Protest-Email und sammeln Sie Unterschriftenlisten (Unterschriftenlisten dazu gibt es hier). Bitte diesen Boykott-Aufruf möglichst umfangreich auf Blogs, Facebook, Twitter, per eMail etc. verbreiten.

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