Mit Katharina Mayer tritt heute eine jüngere Künstlergeneration und ein anderes Medium, die Fotografie, an die Stelle von Otto Piene dem bisherigen Gestalter des Preises für den „Blue Planet Award“.
Ich möchte im Folgenden versuchen, Ihnen eine Vorstellung zu geben von den Arbeits- und Denkprozessen der Künstlerin. Diese sind im Wesentlichen bestimmt von ihrem Interesse am Menschen, von ihren Lehrern, deren Konzept ich als eine „Methode der Kunst“ bezeichnen möchte, und ganz besonders von der ganz speziellen Eigenschaft der Fotografie, immer ganz nah an der Realität zu sein.

Katharina Mayer ist 1958 in Rottweil am Neckar geboren, studierte Kunstgeschichte in Freiburg und von 1988-92 Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf bei den Professoren Nan Hoover und Bernd und Hilla Becher. Katharina Mayer lebt in Düsseldorf.
Die fotografische Arbeit ihrer Lehrer Hilla und Bernd Becher hat sie geprägt.
Ihre Arbeit folgt dem künstlerische Prinzip der Serie, in dem sich die einzelnen Objekte kaum durch scheinbare Ähnlichkeit unterscheiden, jedoch im direkten Vergleich in ihrem Anderssein erkannt werden. Die sachliche Arbeitsweise der Bechers, nüchtern und wissenschaftlich, schafft eine Ordnung, die dem Betrachter ermöglicht, durch vergleichendes Sehen das Individuelle in der Differenzierung zu erkennen.

Die anonyme Alltäglichkeit der Menschen in ihrem Umkreis ist bei Katharina Mayer immer der Anstoß für ihre Fotoserien „getürkt“, „Séance“, "Maria Frieden“ und „Familia“ jede Serie entstand nach einem besonderen Prozess und da ich Ihnen die Arbeiten nun leider hier nicht zeigen kann, möchte ich im Folgenden kurz von einigen Abläufen berichten.

Katharina Mayer lebt im Düsseldorfer Stadtteil Flingern, in dem in den 90er Jahren viele türkische Frauen mit ihren Familien lebten. Sie sah die Frauen täglich auf der Straße, in Einkaufsläden oder in Imbissstuben. Sie ging in das türkische Zentrum und sprach sie an. Sie wollte sie fotografieren. Auf dem Flohmarkt in Gelsenkirchen ließen sich die Frauen mit ihren Kopftüchern nur von hinten von ihr fotografieren. Das Projekt, das sich über mehrere Jahre (1992-1997) hinzog bedingt durch die Ablehnung der Frauen, sich fotografieren zu lassen, durch ihre Scheu und auch aus Angst, das Foto könnte in die Öffentlichkeit gelangen, dies Projekt wurde erst realisiert als sich die Fotografin zusammen mit einem türkischen Fotografen zu einer Hochzeit einladen ließ. Ihre erste 100teilige Fotoserie nannte sie „getürkt“ was nach Brockhaus soviel wie inszeniert, fingiert, und sogar getäuscht bedeuten kann. Diese Serie zeigt 100 Frauen mit der Verhüllung wie es bei türkischen Frauen Tradition ist. Einige der Fotografierten sind Türkinnen andere Deutsche. Die Serie Türkinnen und deutsche Frauen in türkischer Tracht ist gekennzeichnet durch eine große Strenge im Aufbau, die durch den ernsten Blick der Frauen auf die Fotografin noch betont wird. Die Hintergründe auf den Fotografien, die Kleider und Tücher der Frauen spiegeln eine Vielfalt von Farben und Formen wieder.

Die künstlerische Asthetik dieser Serie ist so verführerisch, dass beim Betrachter die Gefahr besteht „getürkt“ zu werden, wenn er keine Kenntnisse des vorausgegangenen Prozesses (Deutsche und Türkinnen) hat.
Zum Anderen verweist der Titel auf die trügerischen Möglichkeiten der Fotografie mit der Katharina Mayer auch immer wieder spielt.

Eine andere Serie ist die der „Séancen“ (1998-2000). 25teilig zeigt sie große Frauenportraits, die, von hinten aufgenommen, dem Betrachter den Blick verweigern. Die Kommunikation ist gestört. Diese Fotografien haben eine Erotik, die Männer irritiert. Das Gesicht, das individuelle der Frau, ist nicht sichtbar, der feminine Körper ist abstrahiert, reduziert auf eine der Schönheit verpflichteten Ästhetik.

Die Arbeit von Katharina Mayer verläuft in Prozessen, die sich zeitlich überschneiden.
So entstand 1998 hier in Berlin während eines Stipendiums im rehabilitationspädagogischen Wohnheim für geistig behinderte Frauen „Maria Frieden„ eine Portraitserie, die sie mit den Frauen erarbeitete und ihnen dann als Geschenk machte, d.h. die Arbeiten wurden in dem Wohnheim der Frauen aufgehängt. Das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen war für ihre Arbeit eine wichtige Voraussetzung. Die Kommunikation zwischen Fotografin und Modell kann erst dann stattfinden wenn Interesse, Zuwendung und Respekt aufgebaut ist. Diese Haltung zu vermitteln erfordert Zeit und Geduld.

Ein Aspekt ihrer Arbeit, der sich aus Prozessen wie diesem entwickelt hat, ist der zwischenmenschliche, der soziale ihrer Arbeit. Sie geht als Fotografin, als Künstlerin, in die Gesellschaft. So entwickelte sich die Serie „familia“ in der sie die unterschiedlichen Formen von Familie heute zeigt. Diese Fotografien sind wie Bühnenbilder, von ihr im Detail inszeniert, jede erzählt ihre eigene Geschichte. Wirklichkeit und Traum, Wünsche und Sehnsüchte, der ganze Kosmos menschlicher Gefühle wird in dieser Arbeit zum Bild.

Die letzte Arbeit, die ich noch erwähnen möchte, ich bedauere, sie Ihnen nicht zeigen zu können, ist das „Gastmahl der Freunde“, eine große Fotoarbeit, die im Refektorium eines Düsseldorfer Klosters zusammen mit Obdachlosen entstanden ist. Sie zeigt die Männer an einem langen Tisch, die sich dort in regem Gespräch und mit deutlichen Gesten versammelt haben. Dies Bild erinnert sofort an das berühmte Abendmal von Leonardo Da Vinci.
Der Titel ist „das Gastmahl„ so auch der Titel des „Gespräches über die Liebe“ von Platon.

Das Interesse am Mitmenschen zeigt sich in ihrer Arbeit vielfältig. Sie begibt sich nicht in unsere Gesellschaft, um Brennpunkte zu dokumentieren, sondern immer gilt ihr Interesse neben dem fotografischen Resultat, auch diesem zwischenmenschlichen Prozess, den sie herausfordert, und von dem sie überzeugt ist, dass er etwas verändern kann, denn:
- die Kunst verändert nicht die Welt - die Kunst verändert den Menschen und
- der Mensch verändert die Welt.

Diese Botschaft ist in ihrer Arbeit, die immer geprägt ist von privatgeschichtlichen, kulturgeschichtlichen, sozialgeschichtli-
chen und kunstgeschichtlichen Zusammenhängen.

Ihre Arbeit als Fotografin hat sich über die Jahre nicht nach der Nachfrage am Kunstmarkt entwickelt, sondern nach ihrer inneren Notwendigkeit mit Empathie, Neugier und Beharrlichkeit sich den Problemen unserer Gegenwart mit den Mitteln der Kunst zu nähern, sie zu befragen und sie ins Bild zu setzen, wobei bei Katharina Mayer Sehnsucht, Wunsch und Traum ebenso zum Kosmos Mensch gehören wie Sachlichkeit, Präzision, Schönheit und Distanz.

Die Arbeit von ihr, die sie hier heute sehen, und die das Geschenk für den „Blue Planet Award“ ist, zeigt einen solchen Kosmos.

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