Vor zehn Jahren haben sich Vertreter/innen verschiedener kleiner Organisationen zur Kampagne für Menschenrechte zusammengeschlossen, um dem Schweizer Giganten Nestlé auf die Finger zu schauen. Anlass war der Hilferuf der Lebensmittelgewerkschaft SINALTRAINAL aus Kolumbien, die bei Arbeitskonflikten mit Nestlé bereits mehrere Mitglieder verloren hatte und stets massiven Bedrohungen durch paramilitärische Gruppierungen ausgesetzt war (und ist). Im Jahre 2005 wurde aus dem losen Kampagnenzusammenschluss MultiWatch gegründet mit dem Ziel, eine öffentliche Anhörung zu Nestlé Kolumbien und ein internationales Forum zu Nestlé durchzuführen. Die Trägerschaft von MultiWatch sind verschiedene Gewerkschaften, Hilfswerke, kirchliche Organisationen und Nichtregierungsorganisationen. Im Anschluss an die öffentliche Anhörung zu Nestlé Kolumbien wurde der Auftrag von MultiWatch erweitert und als permanente Beobachtungsplattform von multinationalen Konzernen mit Sitz in der Schweiz definiert. Ziel von MultiWatch ist es, auf Verletzungen von Menschenrechten durch Schweizer multinationale Konzerne aufmerksam zu machen, durch gezielte Aktionen und Kampagnen die Öffentlichkeit über die Tätigkeiten der Schweizer Multis und Themen wie Menschenrechte und Straflosigkeit zu informieren und Druck auf die involvierten Akteure aufzubauen. MultiWatch soll unter anderem dazu beitragen, die transnationalen Geschäftstätigkeiten von multinationalen Konzernen verbindlich zu regeln und entsprechende Verstösse vor Gerichte zu bringen.

Seit dem Besuch von Kohleminen im den Departementen César und La Guajira (Kolumbien) durch MultiWatch-Vorstandsmitglieder im Jahre 2007 wird auch Glencore systematisch beobachtet. Da Glencore damals noch absolut unbekannt war, schreckte das Unternehmen vor keinen Mitteln zurück, um seine Konzernstrategie der skrupellosen Gewinnmaximierung durchzusetzen. So konnte Anfang August 2007 nur dank internationaler Intervention verhindert werden, dass die berüchtigte Spezialeinheit ESMAD der kolumbianischen Polizei vor der Glencore-Mine in La Jagua ein Blutbad anrichtete. Der Eingang der Kohlemine wurde damals von 117 ehemaligen Minenarbeitern mit ihren Frauen und Kindern blockiert. Diese Minenarbeiter waren über Temporärfirmen angestellt und in der Glencore-Mine tätig gewesen. Die Verträge wurden über Jahre hinweg jeweils um ein Jahr verlängert. Als sich die Arbeiter gegen die prekären Anstellungen wehrten und sich gewerkschaftlich organisierten, beendete Glencore die Zusammenarbeit mit den Temporärfirmen und es kam zu Massenentlassungen.

Weiter nördlich war Glencore damals (und ist heute über seine Mehrheitsbeteiligung an Xstrata) zu einem Drittel an der riesigen Kohlemine El Cerrejón beteiligt. Es war erschütternd mitanzusehen, wie die Bewohner/innen der minenangrenzenden Dörfer ohne angemessene Entschädigung ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden. Das Dörfchen Tabaco wurde bereits im Jahre 2002 gewaltsam geräumt, mit Buldozern vor den Augen der Bewohner/innen niedergewalzt und das Vieh sowie die landwirtschaftlichen Gerätschaften beschlagnahmt. Bis heute ist es trotz internationalem Druck und Beobachtung nicht zu einer angemessenen Entschädigung oder Umsiedlung gekommen.

Dieses Gebaren von Glencore bewog MultiWatch, den Konzern für den Public-Eye-Award 2008 zu nominieren. Das „Public Eye“ ist eine Alternativveranstaltung zum World Economic Forum in Davos, bei dem die übelsten Unternehmen erkoren und an eine „Wall of Shame“ gestellt werden. Die Jury liess sich überzeugen und verlieh dem unbekannten Riesen den Swiss Award 2008. Die dreifache Weigerung von Glencore, den Swiss Award entgegenzunehmen, hatte den für Glencore unerwarteten Effekt, dass das Unternehmen in der Schweizer Bevölkerung erstmals bekannt wurde. Denn bei jedem Übergabeversuch schaltete sich mehr Prominenz ein und war die Medienaufmerksamkeit grösser. Viele nahmen mit Erstaunen zur Kenntnis, dass nicht Nestlé, sondern ein dubioser Rohstoffriese das grösste Unternehmen des Landes war, dessen Firmengründer vom ehemaligen Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani, als „der grösste Steuerbetrüger der Geschichte der USA“ bezeichnet und in den USA zu mehreren Hundert Jahren Haft verurteilt worden war.

Seit dem Börsengang von Glencore im Jahre 2011 und der geplanten Megafusion dem Schweizer Bergbauriesen Xstrata sind unglaubliche Fakten über den Konzern ans Licht gekommen: In Sambia bringt Glencore die Bevölkerung dank kreativer Buchführung um 29 Milliarden US-Dollar - das entspricht dem Doppelten des Bruttoinlandprodukts. Dies brachte eine Studie der Erklärung von Bern (Mitglied von MultiWatch) in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen in Sambia, Frankreich und Kanada zu Tage, die im Jahre 2011 in eine OECD-Klage vor dem nationalen Kontaktpunkt in der Schweiz mündete. Die Bereicherung auf dem Buckel der Ärmsten hört jedoch nicht in Sambia auf; auch in China, im Kongo und Kolumbien behilft sich der Konzern derselben Tricks, um der Grossteil der Gewinne in Steuerparadiese zu transferieren. Das ist jedoch nicht genug: Wie eine aktuelle Studie der Hilfswerke Brot für Alle und Fastenopfer (Gönner von MultiWatch) aufzeigt, ist die massive Verschmutzung und Kinderarbeit in den Glencore-Minen im Kongo Alltagsrealität.

Bei den geschilderten Fakten handelt es sich wohl nur um die Spitze des Eisbergs. Es ist daher von äusserster Wichtigkeit, dass dem Unternehmen weiter auf die Finger geschaut und Druck aufgesetzt wird. Gerade in Anbetracht dessen, dass Glencore dank der anstehenden Fusion mit Xstrata zu einem der grössten Rohstoffhändler der Welt aufsteigt und zunehmend in das äusserst heikle Geschäft mit Nahrungsmitteln einsteigt, kommt die Verleihung des „Black Planet Awards“ zum richtigen Zeitpunkt!

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