Die ethecon-Aktivistin Maraike hält sich zur Zeit in Santiago de Chile auf. Gemeinsam mit ihrer Freundin Nele hat sie vergangene Woche an der Großdemonstration vom 26. Juni teilgenommen. Hier ihr Bericht darüber:

Während unseres Aufenthalts in Santiago de Chile im Rahmen einer von unserer Universität in Deutschland organisierten Summer School, fand am 26.06.2013 ein Generalstreik der StudentInnen und SchülerInnen des ganzen Landes statt. Die Demonstration ist eingebettet in den seit drei Jahren andauernden Bildungsstreik, der sich gegen das privatisierte und ungerechte Bildungssystem richtet, welches ein Rudiment der Pinochet-Diktatur darstellt. Seit 2011 organisieren chilenische Studenten Proteste, bereits mehr als 40 Demonstrationen fanden in Chile statt.

Am Tag vor der Demonstration selbst merkte man von den anstehenden Protesten noch nichts. Weder ein erhöhtes Polizeiaufgebot noch Absperrungen oder dergleichen waren vorzufinden. Lediglich Plakate und Transparente an den Gebäuden der Universidad de Chile wiesen auf die Aktionen am nächsten Tag hin.

Wir entschieden uns, trotz ausdrücklichen Aufforderungen unserer Dozenten, der Demonstation fernzubleiben, zur Solidarität mit den SchülerInnen und StudentInnen Chiles und mischten uns am Plaza Italia unter die DemonstrantInnen. Die Demonstrationen starteten am Mittwoch um 13 Uhr an verschiedenen Punkten in Santiago und sollten sich dann sternförmig zusammenfinden. Bereits am Versammlungsort war eine fröhliche Stimmung der Teilnehmer wahrzunehmen. Auffallend viele junge SchülerInnen waren neben StudentInnen jeden Alters dabei. Transparente sowie Protestparolen gaben den von SchülerInnen und StudentInnen geforderten Losungen Ausdruck. Anders als vorher angekündigt („Die Proteste wären durchaus ‚hässlich‘ und gewaltvoll“ laut internationalem Department der chilenischen Universität) und somit von uns erwartet, verlief die gesamte Demonstration friedlich und ohne Polizeiübergriffe. Vereinzelte Aktionen der Polizei zu Beginn, der Demonstration den Weg zu versperren, konnten nicht gelingen, da lediglich eine Handvoll Polizisten diesen Auftrag auszuführen hatte und die Demonstrationsteilnehmer einfach an den Polizisten vorbeiliefen. Dies stellte durchaus eine Provokation von Seiten der Polizei dar, führte aber nicht zu gewaltvollen Auseinandersetzungen. Mit Ausnahme dieser Situationen war während der restlichen Demoroute keine weitere Provokation oder Aggression der Polizei zu spüren. Die Präsenz dieser beschränkte sich auf Absperren vereinzelte Seitenstraßen, die Demo konnte jedoch ungehindert stattfinden. Auffallend anders als in Deutschland, wo Demonstrationen von mitlaufenden Polizisten links und rechts der Demo begleitet werden sowie das gesamte Stadtviertel sich im Ausnahmezustand befindet.

Am Abschlusskundgebungsplatz fanden sich ca. 100.000 Teilnehmer zusammen. Es wurde auf einer Bühne gesprochen und Musik gespielt. Die gesamte Stimmung war gelassen und friedlich. Ausnahme stellen die von Teilnehmern gezündeten Feuer und Rauchbomben dar. Wasserwerfer der Polizei standen vereinzelt in den Seitenstraßen, welche zum Platz führten, und kamen zum Einsatz, um die gezündeten Feuer zu löschen. Daraufhin gab es auch Unruhe bei den Teilnehmern, welche sich aber wieder legte. Das ist damit zu begründen, dass es zu jederzeit Fluchtmöglichkeiten in Seitenstraßen gab und es nicht zu Einkesselungen etc. kam.

Nach Abschluss der Kundgebung machten wir uns auf den Heimweg. Unsere Erwartungen von einem gewaltvollen und aggressiven Protest, welcher uns durch die uns hier in Chile betreuenden Dozenten vermittelt wurde, konnten nicht erfüllt werden. Wir erlebten eine kraftvolle, friedliche und aggressionsfreie Demonstration von StudentInnen, SchülerInnen sowie Menschen, die sich aus Solidarität anschlossen. Die chilenischen Studenten- und Schülerproteste werden von 80% der Bevölkerung unterstützt. Die Aussage von Innenminister Andres Chadwick auf einer Pressekonferenz „Das waren keine Studenten, das waren Kriminelle und Extremisten“ und „Sie haben koordiniert und geplant gehandelt, um diese Gewaltakte zu provozieren“ können wir überhaupt nicht mit dem von uns Erlebten vergleichen. Vielleicht waren wir auch einfach auf einer anderen Demonstration in Santiago de Chile, am Mittwoch den 26.06.2013.

Deutschsprachige Berichterstattung zur Demonstration in der taz vom 27.06.2013.

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