Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
sehr verehrte, liebe Esther Bejarano,

die Stiftung Ethik & Ökonomie verleiht heute den Internationalen ethecon Blue Planet Award 2013 an Esther Bejarano. Dazu möchte ich zuerst die Juroren beglückwünschen. Das ist eine wirklich hervorragende Wahl! Ich möchte mich bedanken, dass ich heute die Laudatorin sein darf. Das ist für mich eine Ehre und eine wirkliche Freude.

Im Jahr 2012 hat meine Partei, DIE LINKE, den Clara-Zetkin-Frauenpreis verliehen. Die Laudatio hielt damals Beate Klarsfeld. Für mich war es damals sehr bewegend zu sehen, wie sich diese beiden Antifaschistinnen mit den so unterschiedlichen Lebenswegen verstanden.

Gerade habe ich Esther Bejaranos „Erinnerungen – Vom Mädchenorchester in Ausschwitz zur Rap-Band gegen rechts“ gelesen. Ich kann jedem nur empfehlen, sich dieses Buch auch zu besorgen.

Ich war erschüttert, erfreut und inspiriert. Passen diese drei Worte überhaupt zusammen? Ich will versuchen, es zu erklären.

Ich war erschüttert, an Esthers Leben nachzuverfolgen, wie die Faschisten Menschen ausgrenzten, demütigten, einsperrten, folterten und vernichteten. So eine kleine zarte Frau – und soviel Gemeinheit, Hass und Verbrechen ihr gegenüber. Und sie wie das überstanden hat, mit viel Liebe für die Menschen. Das Orchester, in dem Esther Bejarano in Auschwitz spielte, hatte die Aufgabe, zum täglichen Marsch der Arbeitskolonnen durch das Lagertor zu musizieren. Dieser Zynismus, dieser Sadismus verbunden mit Häme und Demütigungen macht mich immer wieder fassungslos.

In jedem Jahr bin ich mit Jugendlichen in Europa unterwegs und besuche KZ-Gedenkstätten, die an die Verbrechen Hitler-Deutschlands erinnern. Jedes Mal bin ich wieder über das Leid und Elend erschüttert, das Menschen anderen Menschen in diesen Lagern angetan haben. Es setzt auch nach Jahren bei mir kein Gewöhnungseffekt ein. Es ist einfach unfassbar.

Ich war erfreut, weil Esther Bejarano so viele Menschen traf, die ihr halfen und damit ihr Leben retteten. Sie hatte Solidarität in Auschwitz, in Ravensbrück und auch nach dem Krieg erlebt und gelebt. Das ist ein Grund zur Freude.

Ich war inspiriert, weil Esther Bejarano mit ihrem Buch bei mir auch neues Nachdenken ausgelöst hat. Dazu möchte ich eine Stelle aus ihrem Buch zitieren. Es war in den ersten Tagen nach dem Krieg und Esther Bejarano kam bei einem Bauern unter. Sie bekam ein Zimmer mit ihren Freundinnen und etwas zu essen.

Das Zitat: „Eines Tages ging der Bauer mit uns in den Garten. Er nahm einen Spaten und fing an, einer bestimmten Stelle an zu graben. Es kam eine Kiste zum Vorschein. Wir halfen ihm, sie aus der Erde hochzuziehen. Gemeinsam trugen wir die Kiste ins Haus. Der Bauer meinte, jetzt könne ihm ja nichts mehr passieren. Dabei öffnete er die Kiste, in der viele Bücher lagen. Bücher, die im Nazireich verbrannt (wurden): von Marx und Engels bis Heine, Feuchtwanger, usw.“ (S. 87)
Die Nazis haben Millionen von Menschen vernichtet und sie wollten auch die Kultur dieser Menschen vernichten, doch das ist ihnen nicht gelungen.

Esther Bejarano ist eine großartige Botschafterin dieser geschundenen Kultur. Mit ihrer Gruppe Coincidence singt sie jiddische und hebräische Lieder, Liedern der Sinti und Roma, Lieder von Widerstand und Befreiung aus der ganzen Welt.
Dafür kann man ihr nur danken!

Esther Bejarano ist Mitbegründerin und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland. Sie ist Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten, VVN-BdA. Wenn sie gebraucht wird, ist Esther Bejarano da und stellt sich mit all ihren Mitteln Dummheit, Hass, Rassismus entgegen: Sie klärt auf, sie spricht über ihre Erfahrungen. Sie schreibt Bücher, Gedichte – und sie singt! Mit den Rappern der Microfone Mafia, ihrer Tochter Edna und ihrem Sohn Joram hat Esther Bejarano hunderte Konzerte im In- und Ausland gegeben.

Ich möchte noch einmal auf die Inspiration zurückkommen. Heute lassen sich ja Politiker gern von sogenannten Spin-Doktoren inspirieren. Ich werde von Menschen wie Esther Bejarano, Stéphane Hessel, Ken Loach, Beate Klarsfeld und Stefan Heym inspiriert.

Manchmal fragen Jugendliche, ob sie Ausschwitz noch etwas angeht? Ist das nicht längst Geschichte? Haben sie damit überhaupt noch etwas zu tun. Sie leben doch in einer anderen Zeit. Stéphane Hessel schrieb in seinem Buch „Empört Euch!": „Den jungen Menschen sage ich: Seht euch um, dann werdet ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt – die Behandlung der Zuwanderer, der in die Illegalität Gestoßenen, der Sinti und Roma.“ Hessel hat recht: Wir müssen die Erinnerung an den Faschismus immer wieder mit der Gegenwart verbinden. Wenn wir das nicht tun, dann wird die Erinnerung erstarren und irgendwann verblassen.

Esther Bejarano hat in einem Interview mit dem „Neuen Deutschland“ ihre Empörung über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ausgedrückt und sagte: „Aber wenn Notleidende dem Elend entfliehen und nach Europa kommen, dann muss man sie auch anständig aufnehmen. Das ist eine Katastrophe, was sich vor unser aller Augen abspielt. Ich habe keine Worte dafür.“

Nur wer selbst auf der Flucht war und sein nacktes Leben retten musste, wie Esther Bejarano, weiß, was es heißt ein Flüchtling zu sein. Ihre Solidarität mit den Flüchtlingen aus Kriegsgebieten teilen viele, wenn auch nicht genügend, Menschen in unserem Land. Wir müssen Flüchtlinge aufnehmen, das ist nicht nur unsere historische Pflicht, das sollte einfach eine humanistische Selbstverständlichkeit sein. Doch auch das reicht nicht. Wir müssen Kriege verhindern und Politiker stoppen, die auch noch Rüstungsgüter für den Export in Krisengebiete freigeben.

Zurück zur Erinnerung und zur Erinnerungskultur in unserem Land. Die 68er hatten eine Erinnerungsrevolution in der Bundesrepublik ausgelöst. Sie haben es geschafft, dass sich eine ganze Gesellschaft mit ihren Verbrechen mehr oder weniger auseinandersetzen musste. Das war eine große Leistung. Ich glaube, wir brauchen heute wieder einen Umbruch im Erinnern, im Denken und im Handeln, damit Faschismus nie wieder eine Zukunft in Europa hat. Der Filmemacher Ken Loach hat einen großartigen Film produziert. Er heißt „The Spirit of `45“.

Nach dem Krieg gab es in Großbritannien eine soziale Revolution. Viele arbeitende Menschen wollten nicht mehr so leben, wie sie vor dem Krieg gelebt hatten. Sie wollten Arbeit, Wohnungen und eine Krankenversorgung für alle Menschen. Zweifel am Kapitalismus waren sehr verbreitet. Der Kapitalismus wurde für Krieg und Elend verantwortlich gemacht. Die Briten waren der festen Überzeugung, dass wenn es ihnen gemeinsam gelungen ist, Hitler, den größten Diktator aller Zeiten, zu besiegen, dann muss es auch möglich sein Hunger, Armut, Krankheit und Elend zu besiegen. Churchill wurde abgewählt und Labour gewann die Wahl. 1946 wurde der National Health Service gegründet. 1948 wurde die Eisenbahn nationalisiert und im gleichen Jahr wurde die Stromversorgung verstaatlicht. Die Eigentumsverhältnisse wurden geändert.

Ähnlich in Frankreich. Hessel schrieb: „1945, als das grauenhafte Drama beendet war, setzten die im Nationalen Widerstandsrat vereinigten Kräfte eine Erneuerung ohnegleichen ins Werk. Damals wurde das System der sozialen Sicherheit geschaffen, wie es die Résistance in ihrem Programm vorgestellt hatte: Ein vollständiger Plan sozialer Sicherheit mit dem Ziel, allen Bürgern, denen dies nicht durch eigene Arbeit möglich ist, die Existenzgrundlage zu gewährleisten.“

Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration hat in Europa eine wirkliche soziale Revolution erkämpft. Das war natürlich auch deshalb möglich, weil es damals einen Systemwettbewerb gab. Die nötige Energie und Begeisterung für diese soziale Revolution gewannen die Menschen aus ihrem großartigen Erfolg über den Hitler-Faschismus.

Die Marktradikalen aber hatten in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts - unter Führung von Margaret Thatcher und Ronald Reagan – begonnen, die Leistungen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration zu zerstören. Sie haben ganze Volkswirtschaften zu Spielcasinos umgebaut. Die dann folgende gewaltige Bankenkrise hat Völker in den Ruin getrieben. Griechenland ist wirtschaftlich am Boden und erlebt die schwerste Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg.

Esther Bejarano, Stéphane Hessel, Stefan Heym, Beate Klarsfeld und viele andere aus dieser Kriegs- und Nachkriegsgeneration haben uns heute noch viel zu sagen.
Ich wünsche mir, dass viele Menschen diese Energie und Begeisterung aufnehmen und Widerstand leisten gegen den Kalten Krieg des Geldes. Wenn es uns gelingt, diesen Geist von 1945 wieder zu beleben, dann werden wir die Herausforderungen der nächsten Jahre bestehen. Viele junge Menschen sind offen für gesellschaftliche Veränderungen, doch sie brauchen echte und verlässliche Verbündete.

Ich denke dabei an die vielen jungen Menschen, die sich bei Blockupy engagiert haben. Ich denke an die vielen jungen Menschen, die jedes Jahr in Dresden gegen die Nazis demonstrieren und dabei noch von staatlichen Stellen drangsaliert werden. Ich denke an die vielen jungen Menschen, die Flüchtlinge in Deutschland Tag und Nacht beschützen.

Esther Bejarano sagte in dem schon zitierten ND-Interview: „Manche meinen: Nach Auschwitz kann man keine Lieder mehr singen, keine Gedichte mehr schreiben, keine schönen Bilder mehr malen. Das ist meiner Meinung nach falsch. Mit der Musik kann man Menschen berühren, ihr Herz öffnen, sie sensibilisieren… Vielleicht ist meine Rache, dass ich in Schulen gehe, meine Geschichte erzähle und Musik gegen Krieg und für Frieden mache.“

Ich wünsche mir, dass Esther Bejarano noch lange singen und erzählen wird.

Wir brauchen deine Musik und deine Erzählungen und wir brauchen deinen Mut, deine Wärme und deine Solidarität.

Wir verneigen uns vor dir.

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