Grußwort von Prof. Dr. Rolf Verleger/Bremen, Vorsitzender der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ zur Verleihung des „Blue Planet Award 2009“ an Uri Avnery/Israel

Im Sommer vor drei Jahren, als Israel den Krieg gegen den Libanon begann, da schrieb ich Folgendes in einem Brief an meine Kollegen im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland:

viele ... denken (heutzutage), man sei ein um so besserer Jude, je entschiedener man für Israels Gewaltpolitik eintritt. Aber ein solches „Judentum“: Ist das noch das gleiche Judentum, dessen Wesen unser einflussreichster Lehrer Hillel so definierte: „Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an“? Ist das noch das gleiche Judentum, als dessen wichtigstes Gebot unser Rabbi Akiba benannte: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“? Das glaubt mir doch heutzutage keiner mehr, dass dies das „eigentliche“ Judentum ist, in einer Zeit, in der der jüdische Staat andere Menschen diskriminiert, in Kollektivverantwortung bestraft, gezielte Tötungen ohne Gerichtsverfahren praktiziert, für jeden getöteten Landsmann zehn Libanesen umbringen lässt und ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legt. Ich kann doch wohl vom Zentralrat der Juden in Deutschland erwarten, dass dies wenigstens als Problem gesehen wird.

Als ich damals Uri Avnery von diesem Brief informierte, da schrieb er mir als Antwort eine sehr kurze e-mail: „Rolf, Sie tun eine Mizwah.“

Eine Mizwah, ein „Auftrag“, das ist nach der jüdischen Tradition eines von Gottes Geboten an sein Volk. Diese Gebote als Aufträge anzunehmen, sie mit aller Kraft und ganzem Herzen zu erfüllen, darauf kommt es nach jüdischer Tradition an – nicht damit man obrigkeitshörig einem Befehl gehorcht hat, sondern um damit die zerrissene Welt wieder zu heilen und um uns selbst zu besseren Menschen zu erziehen. Das ist der Sinn dabei, wenn man eine Mizwah erfüllt.

So habe ich damals mit meinem Brief wohl wirklich eine Mizwah erfüllt.

Aber Uri Avnery: Er hat diese Mizwah nicht nur einmal erfüllt, er hat sie hundert- und tausendmal erfüllt, und er tut es jetzt noch jede Woche mit seinen politischen Kommentaren und seinem Engagement. Er sorgt mit seinem Leben und seinem Handeln dafür, dass die Leute mit Judentum noch etwas anderes verbinden als Gewalt, Cleverness und Zynismus, nämlich Anstand, aufrechten Gang, Liebe zum Mitmenschen und das Bewusstsein dafür, dass es moralische Regeln gibt, nach denen sich auch die Mächtigen zu richten haben.

Mit ihrem Preis hat daher die ethecon-Stiftung den Richtigen ausgezeichnet.

Prof. Dr. Rolf Verleger
Vorsitzender der
„Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost “e.V.

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