Laudatio auf Diane Wilson anlässlich der Verleihung des Blue Planet Award am 2.12.2006.

I. An Unreasonable Woman

– So hat Diane Wilson ihre „wahre Geschichte“ genannt.
Sie handelt davon, wie sie inmitten von Schrimps-Fischern und einer raren Fischerin, ihr selbst nämlich, arm, wassersüchtig und wassergeschlagen, wie sie inmitten von Politkern, die eben in der Regel so sind, wie sie sind, der Karriere verpflichtet, darum dauernd von der unerträglichen Leichtigkeit des opportunistischen, machtvollen Interessen verpflichteten Seins gefährdet – wie nebenbei gesagt, wir alle, wie sie schließlich in mitten von rücksichtslosen industriellen Verschmutzern, die allein das Ziel kennen, dem wir uns fast alle unterworfen haben: Profit, Profit und noch einmal Wachstum des Profits und der mit ihm verbundenen, ihm dienlichen Macht, wie sie also inmitten all dieser verschieden gerichteten und doch wie verschiedene Eisschollen ineinander verkanteten Menschen gegen die chemische Industrie zuerst, gegen alle Hindernisse, Skeptiker und längst Resignierten kämpft.

Um den Golf von Mexiko, dort wo er die Küste von Texas ausmacht; um das Wasser des Lebens für Schrimpfs und die Fischer; um das wilde Wasser des Lebens und einer ganzen Kultur, lebendiges Wasser und Wasser des Lebens zu retten. Es ist schon nahezu kaputt verdreckt, verseucht. Die Chancen es dort im texanischen Seadrift zu retten, sind, wenn´s hoch kommt eins zu einer Million. Aber sie tut es. So, wie sie sich als Schrimperin allein schon als ganz junge Frau auf ihrem 3. oder 4. eigenen Boot, der Seabee hinaus traute, Schrimps mit Netzen einzuheimsen; auf eine Meer, das voll erfahren ahnbarer, aber nicht restlos ausmachbarer Risiken lockt und droht. Und lockt und die Menschen einsam, kühn und mit den höchsten Ansprüchen anspruchslos macht. Durchhalten, nicht aufgeben, immer erneut versuchen – so lauten ein Teil der immer auf Geduld und Handeln ausgerichteten nicht zufällig verbalen Devisen.

Wer sich einen fast den Atem beraubenden Eindruck verschaffen will, beste Literatur und doch zugleich alles andere als literarisch, der oder die lese das erste Kapitel mit dem Titel „Sabotage“. Weitere Empfehlungen brauche ich nicht auszusprechen. Alle die angefangen haben, werden nicht aufhören, bis sie ans Ende gelangen. Und danach werden sie, das hat eine Besprecherin des Buches, vielleicht nicht zufällig eine Frau, Janisse Bay, zurecht hervorgehoben, danach werden sie, hoffe ich mit Janisse Bay und Diane Wilson versteht sich, ein Stück mehr noch begriffen haben, dazu bestens motiviert sein, was ein ganz anderer einmal so ausdrückte, Erich Kästner nämlich: „Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es.“ Janisse Bay hat sich so ausgedrückt: „It is a crucible (book) and no one will finish it unchanged.“

II. An Unreasonable Woman

– als stürzte man in einen Strudel, in dem Vernunft und Unvernunft sich mischen, verändern, bald die eine, bald die andere schäumige Oberhand erhält und am Ende nicht mehr klar ist, was ist denn das, was vernünftig ist? Ist nicht die Unvernunft, ist nicht „non reasonable“ sich zu verhalten, viel vernünftiger? Wer oder was, welche Interessen und welcher „Wertbezug“ bestimmen denn das, was als vernünftig oder unvernünftig geachtet und mit Erfolg, mit Geld, mit Fortschritt ausgestattet wird? Lassen sich Vernunft und Unvernunft, Rationalität und Irrationalität so ohne weiteres trennen? Wenn dem aber nicht so ist, wie sind Erfolge und Misserfolge zu qualifizieren? Wie steht es mit dem heute allseits verkündeten Wert schlechthin, etwas müsse „effizient“ sein, eine Organisation müsse „effizient“ arbeiten, alle Menschen müssten wie darum immer dopinggefährdete Leistungssportler mit äußerster „Effizienz“ ihre Ziele anstreben?

Diane Wilson wusste längst, bevor es ihr bewusst wurde und bewusst wurde es ihr erst, als sie schon handelte - sehe ich es recht -, worauf es ihr und worauf es nicht nur ihr ankommt: darauf, dass die armen Fischer zuerst mitten in allem Risiko des Lebens auskömmlich leben können; darauf, dass darum, auch weil´s schön ist, sich gut anriecht und einen Wert für sich selber hat, die Bedingungen an der Küste, zuerst am texanischen Teil des Golfs von Mexiko und dem kleinen Ort, mit dem Fischerhaus, in dem sie lebt(e), so sind, das Leben im Wasser und außerhalb desselben im ewigen „stirb und werde“ möglich ist. Und immer erneut möglich wird. Als ihr darum, gewiss lange insgeheim vorbereitet, aufgrund eines Artikels und einer regierungsamtlichen Statistik aufgeht, ich lebe inmitten einer Kloake; und diese Kloake wird täglich durch ansässige, sich ausdehnende, zuerst vor ab chemische Unternehmen, dann solche der Plastikindustrie, dann ... ohne Ende verschlimmbösert, da floß der Eimer ihrer Tragsamkeit über.

Sie wurde aktiv. Sie informierte sich. Sie versammelte Leute zuhause und von weiter weg. Das kam in Gang, was man eine soziale Bewegung nennt. Eine kleine menschliche Lawine, um die Lebensbedingungen der Menschen in Seadrift zu retten. Und retten konnte man sie nur, indem das, was aktuell mit herrschender Vernunft geschah, skandalisierte; indem mehr und mehr Leute darauf aufmerksam gemacht wurden und sich bedachten. Ist es in unserem Interesse, dass Wachstum das Wachstum ablöst, aber so, dass die Bedingungen unseres Lebens sich bis zum geht-nicht-mehr, jedenfalls für diejenigen die bleiben, verschlechtert werden. Und als Diane Wilson einmal begriffen hatte, dass jede einzelne und jeder einzelne sich wehren muss, sich wehren, indem er sie mit anderen redet, sich mit ihnen zusammentut und nicht aufgibt, wenn zunächst Ablehnung auf Ablehnung, Misserfolg auf Misserfolg sich häuft, da blieb sie dabei. Sie weitete den Kreis ihrer Aktivitäten: bis nach Indien, nach Bohpal und darüber hinaus; bis gegen den Krieg im Irak und seiner Land- und Menschenzerstörerei nicht nur im Irak, auch und gerade in den USA; globale Zerstörungen bis hin zu ihrem Fischerdorf und den Fischern, von denen einige schon nach dem Trauma des Vietnamkriegs nie mehr ganz zu sich kamen.

Nun dreht sich die Qualität, kehrt sich um. Wenngleich Nachdenken und Abwägen nie aufhören können. Nur weil Diane Wilson die herrschende, die allgemein verbreitete, die von fast allen bewusst, unbewusst verinnerlichte „Vernunft“ als kurz- oder längerfristig tödliche Vernunft erkannte, eine Fehlvernunft, weil sie einsah, dass diese Vernunft ihre Mitfischer zuerst, ihren Ort, ihre Küste, aber weitend und weitend den menschlich bewohnten und einseitigen menschlichen Interessen ausgebeuteten Globus als Wohn- und Lebensstatt insgesamt gefährden, nur, indem sie unreasonable sich verhielt, die herrschende Vernunft als Albtraum erkannte, ergatterte sie die höhere Vernunft, auf die es ankommt: dass die Lebensbedingungen von Mensch und Getier, allem Lebenden und sogar der nicht lebendigen, aber sich dauernd ändernden Natur so geachtet, so beachtet, so gestaltet werden müssen, um allen Raubbau, um alle von menschlichen Interessen selbst verursachte tödlichen Folgen zu vermeiden. Globale kapitalistische Entwicklung heute inszeniert aber unablässig dynamisch „Lernprozesse“, Fortschritts- und Wachstumsprozesse mit tödlichem Ausgang. Und mit diesem todlüsternen Fortschrittsprozess über 90% Prozent der Leute, die sich in das gleizende Wahrheitstuch, genauer die Hybris, der Wissenschaft hüllen.

III. An Unreasonable Woman

– Diane Wilson erhält wie zuvor schon andere einen Preis. Und das mit vollem Recht. Mit besten Gründen. Sie hat als ganze Person, die sie überall ist, nicht als Spezialistin, nicht als Professionelle politische, sprich auf andere Menschen gerichtete, unser aller Lebensbedingungen geltende Leistungen erbracht, die höchstes Lob, die sogar das verdienen, was man Bewunderung nennt. Weit mehr als im großen Roman von Ernest Hemmingway – „Der alte Mann und das Meer“ – belegt sie durch ihr Leben nicht nur, dass und wie sie mit dem Urelement „Wasser“ zu kämpfen und sich in und mit ihm durchzuhalten vermag: Die junge Schrimpsfischerin und das Meer. Indem Sie als Fischerin aushält, gewinnt sie das Ufer der Menschen. Sie hält aus, sie erfährt und sie nützt ihre Erfahrungen, indem sie ihre Sache zur Sache aller macht und die Sache aller zu ihrer.

Hochpolitische gegenseitige Hilfe at its best. Mit geradezu lächerlich geringen Mitteln arbeitet sie, wenn ich das so sagen darf, mit einem Mittel, dem köstlichsten zugleich, über das wir alle verfügen könnten (täten wir´s denn, wären wir nicht schon vorweg in unserem Selbstbewusstsein enteignet nicht erwachsen geworden): mit dem Mittel ihrer ganzen Person, derem Einsatz bis hin, und das nicht zufällig, zum Hungerstreik. Mehreren Hungerstreiks allein und zusammen mit anderen im Lauf der Jahre. Dies tut sie nicht, weil sie eine Art ihr kaum bekannte Lust daran hätte, sich narzistisch selbst zu riskieren, sich selbst lüstlich Schmerzen hinzufügen. Sie tut dies vielmehr – und gerade diese Passagen ihres Buches verdienen nachdenkliche Lektüre! -, weil sie keine Mittel herrschender Gewalt einsetzen kann und will. Sie tut dies auch, weil sie darauf setzt, dass trotz aller Verschüttungen und Entfremdungen genügend Menschen auch in den Ämtern und den Interessengruppen geschlossenen Visiers sitzen, die sei´s durch Druck, sei´s durch Einsicht plötzlich erkennen: das, was wir seither interessenhartbeinig getan haben, ist so jedenfalls falsch, wie wir die Einbahnstrassen und Sackgassen dynamisch entlang gestürmt sind.

Gerade weil jedoch Diane Wilson eine rundum politische Person im besten, im klassisch griechischen Sinn des Wortes geworden ist, auf andere wie sich selbst und die Qualität ihrer Gesellung bezogen, gerade darum erhebt sich die meist bange Frage: könnte ihr „Fall“, ihr Verhalten verallgemeinert werden? Wie könnte man´s, wie könnten es wir alle schaffen, dort zu widerstehen, wo Unvernunft mit ganzer herrschender Sohle auftritt, dies aber angetan mit der Maske allgemeiner Vernunft tut? Wie können wir uns und andere dort widerstehen machen, wo sichtlich und nachweisbar, die Lebensbedingungen der Menschen, immer auch Naturwesen, die sie sind, verschlechtert werden? Wo Bedingungen der Gewalt geleisgelegt werden, die morgen kollektive Gewaltausbrüche wahrscheinlich machen. Denen wird dann im schrecklichen Gewaltzirkel durch sogenannte humanitäre Interventionen u.ä. gegengewaltig gewaltig begegnet. Der Antiterroirismus ist nur ein besonders schlimmes Exempel davon.

Die Person Diane Wilson ist, gottseidank, nicht millionenfach klonbar. Personen wie sie mit ihren spezifischen Eigenarten wachsen und werden unter spezifischen Bedingungen, die nicht multiplizierbar sind. Versucht man allein ihr Buch so zu lesen, dass man nach den Bedingungen sucht, die ihr Verhalten möglich gemacht haben, wird man einsehen, dass daraus kein Rezept zu gewinnen ist. Allerdings gibt es eine Reihe von Gründen, ein Syndrom, ein Gerinnsel derselben, die man von Diane Wilson lernen kann. Sie zu schaffen ist überall dort anzustreben, wo man auf menschliche Bildungsprozesse im weiten Sinne hinwirken kann. Und solche Bildungsprozesse, bei Jugendlichen selbstredend am wichtigsten, am plastischsten, gelten bis uns alle der rigor mortis erfasst. Bis dahin aber sind wir alle in Maßen beweglich und veränderbar. Ich will und kann die Bedingungen, die ich mir aus der „Unreasonable Wormen“ notiert habe, hier nicht vortragen. Ich kann nur sagen, der Versuch, das Buch auch unter diesem Aspekt zu lesen, lohnt sehr.

Wie wichtig war es für Diane Wilson ein Glied in einer Traditionskette der eigenen Familie zu bilden? Soziale Bedingungen geben u.a. den Ausschlag. Wie wichtig war für sie, dass sie früh im Schrimpsfischen gelernt hat, für Frauen selbstständig ganz und gar unüblich, selbstständig sich zu verhalten und selbstbewusst zu werden – das heißt fast immer sich anderer Personen, anderer Sachen, sich eigener Aufgaben bewusst zu werden. Ein Bewusstsein dessen kommt hinzu, was gerecht ist oder sein könnte, ob nun mit oder ohne einen Begriff von Gerechtigkeit. Darum reagierte Diane Wilson auch so stark, als sie von den verschmutzenden Unarten der chemischen und anderer Industrien erfuhr. Und nicht zuletzt: als sie der bornierten Arroganz der Interessenvertreter begegnete. Nur eine Bedingungen von all den wichtigen Fermenten, die das Verhalten Diane Wilsons prägten, will ich nennen: auch für sie gilt ganz anders und doch im Kern ähnlich wie für Martin Luther King: sie hatte, sie hat einen Traum. Dass wir solche Träume unseren Jungen heute nehmen, nicht vermitteln, sie nur karriereschmal flexibel und mobil trimmen, das ist das schlimmste Dauerverbrechen an dem diese Gesellschaft und ein Gutstückweit wir alle schuld sind.

IV. An Unreasonable woman

– Wir können, wie gesagt, Diane Wilson nicht multiplizieren. Wir ehren und feiern sie wie uns selbst dann jedoch am besten, wenn wir den Auftrag begreifen, den sie uns vorbildhaft weiter gibt. Nicht im Golf von Mexiko, nicht am Strand von Texas. Dort auch. Hier jedoch mitten in Berlin und anderswo, in Dafur etwa, wo immer wir sind und sei´s nur einen Hauch von Einfluss haben, sollten wir versuchen, ein wenig in ihren großen Spuren nachzugehen. Dazu aber müssen wir uns trauen, uns selbst zu riskieren. Dann gewinnen wir uns zugleich am besten.

Jetzt aber ist es Zeit, daß ich mich nur noch Diane Wilson zuwende. Überaus geehrt, dass mir diese Rolle mehr oder minder zufällig, in jedem Fall unverdient zugefallen ist, gratuliere ich Diane Wilson dazu, dass sie uns erlaubt, ihr diesen Preis zu überreichen. Damit das immer eng miteinandere verschwisterte Engagement, dringend wie es mehr denn je ist, für eine gerechtere Gesellschaft und ein nicht gewaltförmig ausbeutender Umgang mit all dem, was „Natur“ heißt, zunehme und zunehme. Gratulor.

PS.: Für Nachlesende!

Das oben vorgetragene thema – „unreasonable women“ – con variatione, närrisch intoniert, lebt von: Diane Wilson: AN UNREASONABLE WOMAN: A TRUE STORY OF SHRIMPERS POLITICOS POLLUTERS AND THE FIGHT FOR SEADRIFT; TEXAS, Chelsea Green Publishing Company White River Juction, Vermont 2005

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