Das menschliche Maß
- zum Blue Planet Award 2010 -

Die Brücke zwischen ethecon, Axel Köhler und mir ist Hubert Ostendorf und fiftyfifty – der Obdachlosenarbeit in Düsseldorf, die für Kunst und Karitas steht.

... Movement rides on the flow of breath…

(Irmgard Bartenieff (1900-1981): Sie war Tänzerin, Choreografin und Tanztherapeutin. Durch ihre Pionierarbeit in der systematischen Beobachtung und Dokumentation von Patienten wurde sie mit dem Ruf der Ur-Mutter der Tanztherapie ausgezeichnet.)

Was eigentlich ist im übertragenen Sinn
movement? Was ist breath, Atmen?

Als ich in diesem Jahr in Israel war und das Glück
hatte, Uri Avnery, den letztjährigen Preisträger des
Blue Planet Award interviewen und portraitieren
zu dürfen, kam mir auch dieser Satz in den Sinn.
Gerade in Israel, wo sich die
gesellschaftspolitischen Ereignisse im Juni
überschlugen und ich mich fragte, wo eigentlich
dieses Heilige Land geblieben ist. Und genau in
diesem Moment sagte Uri Avnery zum Abschluss
unseres Interviews: Ich werde nicht eher sterben,
als dass es Frieden gibt - und: Ich bin 87 Jahre alt.

Welch ein Atem!!!

Ich freue mich, den „Blue Planet Award“ 2010 im Geiste Otto Pienes und im Sinn der Ziele von „ethecon - Stiftung Ethik & Ökonomie“ - fortsetzen zu dürfen. Der „Blaue Planet“ ist Vergangenheit und Zukunft und wir müssen uns fragen, was eigentlich in der Gegenwart geschieht.

Die Präsenz als Künstler sehe ich in der Arbeit am Gesamtkunstwerk Mensch - in den Bezügen der Menschen zueinander, zur Welt, zum Kosmos, zur Natur. Das Gesamtkunstwerk integriert alle Kunstgattungen und kämpft um die Vision, dass das einzelne Werk in ihm aufgeht. Ich spreche nicht über Kunst, diese Debatte ist zu müßig, ich spreche - wenn überhaupt - über das Künstlerische. Und im Künstlerischen, im kreativen Denken, liegt eine große Chance, die Vision der Freiheit.

In meiner künstlerischen Arbeit, der Beschäftigung mit Bildern von Menschen, bewege ich mich auf dem Grat zwischen Mensch nach Maß und Das menschliche Maß. Jedes Portrait eines Menschen ist durch die Bildidee und Gestaltung ein Mensch nach Maß, fast im Sinne eines Korsettes. Es ist auf diese Weise fremdbestimmt. Wenn im Portrait jedoch etwas aufscheint, was das menschliche Maß anspricht, das in der Tiefe jedes Wesens schlummert, dann gelingt es, das Korsett unsichtbar zu machen und dem Portrait das abzugewinnen, was es wertvoll macht: die Synthese von innerer und äußerer Haltung.

Das fotografisch erstellte Motiv des Leuchtkörpers (ursprünglich war es tatsächlich geplant als Leuchtkasten mit Leuchtmittel. Dann entdeckte ich das Lisa - Glas, was je nach dem, welches Licht darauf fällt, an den Rändern stärker oder schwächer leuchtet - das fand ich noch spannender) für den Blue Planet Award 2010 ist kein Portrait, aber es verbirgt eine Art Selbstportrait. Zu sehen ist eine hölzerne Stellage, die ich gebaut habe in Anlehnung an antike Globusmöbelstücke. Durch drei Beine wurden 2 runde Platten verbunden. In der Mitte der oberen Platte ist ein leuchtender Globus eingelassen. Um ihn herum Hemisphären.

Auf der absichtlich in rohem Pressspan hergestellten Stellage liegen Objekte wie Puppen, ein Rabe, ist ein Spielzeugmaschinengewehr aufgespießt, sitzt ein Skelett, hängen künstliche Barthaare herunter, hält eine Fellspinne sich am Rahmen fest, liegen verschiedene Masken verteilt und überall Haare, die wie Borten an den runden Platten befestigt sind. Es herrscht Chaos. Und diese chaotisch angeordneten Objekte umgeben den leuchtenden und klar konturierten Globus, der wie ein Planetenherz aus der Mitte der Stellage heraus leuchtet. Faitiche ist der Titel dieser Arbeit. Er bezieht sich auf die in ihm vorhandenen Begriffe Fetisch und Faire - das geladene und das gemachte Objekt. In allen Objekten, die auf der Stellage zu erkennen sind, stecken kleine, persönliche Geschichten.

Der Wert der Dinge ist ein ideeller Wert. Die Fotoarbeit spricht und stellt Fragen an unser Verhältnis zur materiellen und ideellen Welt der Gegenstände, Werkzeuge und Objekte. Was ist kostbar und was ist wertvoll ?

Fetische und Idole sind immer materiell und beide gehen darin nicht auf. Das Besondere an ihnen ist, dass sie Materie sind, die etwas anderes eingekörpert hat: Bedeutungen, Symbole, Kräfte, Energien, Macht, Geister, Götter usw. Die dingliche Seite führt zu der Frage, was Dinge überhaupt sind und wieso sie etwas bedeuten können. Um Fetische und Idole bzw. die Mechanismen zu verstehen, durch die Dinge für uns zu Fetischen oder Idolen werden, müssen wir wissen, was die Dinge sind.

In dem Bild Angelus Novus von Paul Klee sah Walter Benjamin den Engel der Geschichte, der ihn inspirierte folgenden Text zu schreiben:

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein
Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im
Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt.
Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen
und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der
Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der
Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von
Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine
einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf
Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er
möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das
Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht
vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen
hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr
schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in
die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der
Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was
wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte These IX

Als ich damit begann, mich mit der Idee für den Blue Planet Award auseinanderzusetzen, hatte ich die Trümmer im Hinterkopf, die Walter Benjamin benennt und ich hatte auch das im Kopf, was uns weiter treibt, der Sturm vom Paradies her.

Als Träumerin wünsche ich mir, dass mein kleiner Beitrag, dieses Objekt, zum Glauben an das Gute im Menschen auf den zukünftigen Besitzer ausstrahlt und in ihm eigene Gedanken und Gefühle weckt. Der Preis ist auch eine Erinnerung daran, dass Dinge nur scheinen können, wenn sie ein ihrer Natur gemäßes Dasein führen können.

Und damit sind wir wieder beim Leitmotiv angelangt, bei der Frage:
Was eigentlich ist das Menschliche Maß?

Elias Bierdel hat mir in unserem Gespräch gestern eine Antwort gegeben:

Die Notwendigkeit einer radikalen Humanität.

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