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Grußwort Marion Lieser / Oxfam Deutschland

Aus Sicht von Oxfam Deutschland ist die Verleihung des Blue Planet Awards an Jean Ziegler ein wichtiges Zeichen im Kampf für eine gerechte Welt ohne Armut und Hunger, sie ist eine hochverdiente Anerkennung des konsequenten Wirkens Zieglers in diese Richtung.

Der Name Jean Ziegler ist aufs engste mit dem Menschenrecht auf Nahrung verbunden – von 2002 bis 2008 wirkte er nachhaltig als erster Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zu diesem Thema. Bei seinem Amtsantritt stand die Betonung dieses fundamentalen Menschenrechts immer noch unter Rechtfertigungsdruck. Das Menschenrechtsverständnis konzentrierte sich traditionell auf die zivilen und politischen Rechte. Glücklicherweise ist die Situation heute eine andere: Zahlreiche Politiker, Regierungen und Institutionen erkennen – zumindest verbal – das Menschenrecht auf Nahrung an. Manchmal muss man gar Sorge haben, der inflationäre Gebrauch des Begriffes soll die Defizite bei seiner Umsetzung vergessen machen. Denn nie haben mehr Menschen unter chronischer Unterernährung gelitten als heute: fast eine Milliarde Frauen, Männer und Kinder.

Es ist ohne Zweifel ein wichtiges Verdienst Jean Zieglers, das Menschenrecht auf Nahrung mit Nachdruck auf die internationale Agenda gesetzt zu haben: bei den Vereinten Nationen, bei vielen Regierungen, aber gerade auch bei den Organisationen der von Verletzungen des Menschenrechts auf Nahrung Betroffenen. Für sie hat Ziegler die – in der Tat nicht immer ausreichend scharfen – In-strumente der Vereinten Nationen verständlicher und attraktiver gemacht. Immer mehr Menschenrechtsorganisationen bringen die Erfahrungen von sozialen Bewegungen zu den Verfehlungen ihrer Regierung in sogenannten Parallelberichten vor die UNO.

Auch Oxfam vertritt in seiner Projekt- und Kampagnenarbeit einen „rechtebasierten Ansatz“ (rights based approach). Mit unserer jüngsten Kampagne „Mahlzeit!“ wollen wir den massenhaften Hunger sowie das aus den Fugen geratene Ernährungs- und Landwirtschaftssystem anprangern und die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft dazu bringen, mit den Opfern dieser Fehlentwicklung nach tragbaren Lösungen für heute und für die kommenden Generationen zu suchen.

Wir wissen, wie schwierig es ist – zumindest in der wohlhabenderen urbanen Welt Europas –, Verständnis und Solidarität für die von Hunger, Diskriminierung und Verletzungen des Menschenrechts auf Nahrung betroffenen Menschen zu erreichen. Hängt das vielleicht auch damit zusammen, dass wir Entwicklungsorganisationen, wie auch die meisten Medien und Politiker, den Hunger oft zu abstrakt hinnehmen und darstellen? Jean Ziegler hat diesbezüglich sehr drastische Worte gefunden.

„Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 37.000 Menschen verhungern jeden Tag und fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt. Und derselbe World-Food-Report der FAO, der alljährlich diese Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase ihrer Entwicklung problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte. Schlussfolgerung: Es gibt keinen objektiven Mangel, also keine Fatalität für das tägliche Massaker des Hungers, das in eisiger Normalität vor sich geht. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ (Nicht gehaltene Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2011, nach SZ 24.7. 2011)

Diesen Zusammenhang und diese deutlichen Worte hat Jean Ziegler in den vergangenen Jahren mehrfach geäußert und damit viele Menschen aufgerüttelt, eines der größten Phänomene von Unrecht überhaupt erst wahrzunehmen und zu bekämpfen.

„Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Erinnern wir uns dieser Worte Zieglers, aber nicht nur bei der nächsten großen sogenannten Hungerkatastrophe, die uns medial in den Wohnzimmern erreicht. Denn der Hunger ist alltäglich, er betrifft zahllose marginalisierte Bauern- und Indigenafamilien, Landlose, Vertriebene, Plantagenarbeiter/innen, Slumbewohner/innen – und unter ihnen immer besonders die Frauen. In den meisten Fällen ist der Hunger von Menschen verursacht. Jean Ziegler, der Professor aus dem reichen Genf, hat immer wieder die Partei der in Armut lebenden Menschen ergriffen, wenn sie Opfer eines auf nackte Wachstumszahlen orientierten Entwicklungsmodells wurden, so in jüngster Zeit, als er die Spekulation mit Lebensmitteln scharf kritisierte.

Finanzinstitute, wie die Schweizer UBS, die britische Barclays, die US-amerikanische Goldmann Sachs oder die Deutsche Bank und die Allianz-Versicherung, sie alle investieren Milliardenbeiträge, doch nicht, um den Hunger zu besiegen, sondern um mit Nahrungsmitteln zu spekulieren. Die Folgen? Die Preissprünge auf dem Weltmarkt verstärken sich, das Essen wird für die Armen dieser Erde unerschwinglich, sie leiden erneut unter der Verletzung des Rechts auf Nahrung.

Diese Kritik an den wirtschaftlich und politisch Mächtigen ist nicht immer bequem, liegt nicht immer im Mainstream – Jean Ziegler hat dies oft zu spüren bekommen. Und genau darum ist es wichtig, dass er den Blue Planet Award erhält, um unseren Planeten lebenswert zu machen und das für alle und für alle Zeit zu garantieren. Ein großer Traum, den Oxfam teilt, und den Jean Ziegler mit seiner umfassenden Tätigkeit als Professor, Menschenrechtler, Kritiker, Publizist und couragierter Bürger ein wenig näher an seine Realisierung geführt hat.

Dafür gilt ihm unsere Hochachtung!