Krieg, Terror, Ethik und Frieden

Laudatio von Abraham Melzer auf Uri Avnery (Israel)
anlässlich der Verleihung des internationalen
ethecon-Preises „Blue Planet Award 2009“

-es gilt das gesprochene Wort-

Wir leben in einer globalisierten Welt und alle Menschen denken da in erster Linie an Banken, Multi-Konzerne, Autoindustrie und Geld, Geld, Geld. Aber die Globalisierung hat auch eine andere Seite. Die andere Seite ist die Armut, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und der daraus resultierende Terror. Der Terrorismus, die Waffe der Schwachen, kann auch leicht jeden Flecken der Erde erreichen – und tut es auch.

Es gibt kein Patentrezept gegen Terrorismus. Das einzige Gegenmittel ist, seine Ursachen zu beseitigen oder, wie es Uri Avnery im September 2001 schrieb, nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme, „man muss den Sumpf trocken legen, der ihn hervorbringt.“

Uri Avnery hat sein Leben der Trockenlegung solcher Sümpfe gewidmet. Er ist immer seine Linie treu geblieben. Doch durch den zunehmenden israelischen Terror und den palästinensischen Gegenterror und Avnerys scharfe Kritik an den israelischen Militärmaßnahmen und der Besatzungspolitik, geriet Avnery zum Außenseiter in Israel.

Ich bin kein Akademiker und kein Intellektueller, kein Ethikfachmann und kein Moraltheoretiker. Ich bin ein Verleger, ein Macher von Büchern, der Intellektuellen ein Forum verschafft und Fachleuten eine Stimme gibt. Ich beziehe meine Ethik und meine Moral aus dem gesunden Menschenverstand und meine Leitbilder sind Kulturgut der Menschheit. Es ist einerseits der alte jüdische Gelehrte Hillel, der auf die Frage, ob er das Judentum einem Heiden beibringen könne solange dieser auf einem Bein steht, antwortete: „Tue deinem Nächsten nicht das an, was du nicht willst, dass man es dir antut. Das ist das ganze Judentum. Alles Übrige sind nur Interpretationen.“ Und andererseits der große deutsche Philosoph Emanuel Kant, der mit seinem „Kategorischen Imperativ“ dasselbe sagte. Der kategorische Imperativ ist das grundlegende Prinzip der Ethik Immanuel Kants. Er gebietet allen endlichen vernunftbegabten Wesen und damit allen Menschen, Handlungen darauf zu prüfen, ob sie einer universali-sierbaren Maxime folgen und ob dabei die betroffenen Menschen je auch in ihrer Selbstzweckhaftigkeit berücksichtigt werden.

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Danach handelt Uri Avnery schon sein Leben lang. Er bemüht sich um Recht und vor allem um Gerechtigkeit. Es war ihm schon immer klar, dass in einer Demokratie zuerst das Recht vor allen anderen Maximen steht, dass es keine Demokratie geben kann ohne Recht und Gerechtigkeit und zwar für alle Bürger ohne Unterschied der Abstammung, des Glau-bens und der Ethnie. Deshalb war für ihn der Abwurf einer 1000 Kg Bombe genauso verwerf-lich, kriminell und ein Akt gegen das Völkerrecht, wie das Abfeuern einer Kassamrakete. Er hat keinen Unterschied gemacht zwischen den Verbrechen seiner Armee und dem sogenannten Terrorismus.

Ich möchte hier kurz auf die Kriege von heute eingehen, die fast alle asymmetrische Kriege sind, weil es sogenannte Kriege gegen das Böse sind. Es geht um die Ethik des Terrorismus. Lässt sich Terrorismus rechtfertigen? Ja, Terrorismus scheint vielen geradezu das Böse schlechthin zu sein, schlimmer noch als fast alle Kriegsverbrechen. Allenfalls „Genozid“ scheint ähnliche satanische Konnotationen mit sich zu führen wie „Terrorismus“ Das führt natürlich dazu, dass der Begriff „Terrorismus“ vorzugsweise für die Taten der anderen benutzt wird, nicht für die eigenen. Tatsächlich wird wohl kaum ein Begriff auf dieser Erde von den üblichen Verdächtigten, die in jedem Land anders heißen, bei uns aber z.B. unter dem Begriff „Die Achse des Guten“ wohl bekannt sind, mit solch einer ekelerregenden, schmierigen Doppelmoral benutzt wie eben dieser. Diese Doppelmoral heißt: „Wenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“

Für Avnery war aber alles immer dasselbe, selbst die Ermordung von sogenannten Kollaborateuren. In einem Gespräch mit konkret antwortete Avnery auf eine Frage nach dem Mord an Kollaborateuren in den Palästinensergebieten, die für manche Juden der Beweis für die Primitivität der Palästinenser war:

„Natürlich gab es Morde an Kollaborateuren. Kollaborateure sind Verräter. Wer seine Kameraden an eine feindliche Besatzung ausliefert, ist nach den Spielregeln militärischer Verbände, zumal im Untergrund, ein Verräter und wird umgebracht. Ich war ein Terrorist, als ich ein junger Mann war. Auch wir haben unsere Kollaborateure umgebracht, die unsere Kame-raden an die englische Kolonialregierung ausgeliefert haben.“

Leider hat sich jedoch genau dieses Motto der größte Teil der westlichen Presse und der westlichen Politiker entweder aus Willfährigkeit, Bösartigkeit, Ignoranz oder Dummheit zu Eigen gemacht.

Nach der Definition des FBI und des US-Verteidigungsministeriums zufolge ist nämlich Terrorismus:

Gesetzwidriger Gebrauch von Zwang oder Gewalt gegen Personen oder Eigentum zur Einschüchterung oder zur Nötigung einer Regierung zur Förderung bestimmter politischer oder gesellschaftlicher Ziele.

Oder

Um Regierungen oder Gesellschaften zu nötigen oder einzuschüchtern, oftmals um politi-sche, religiöse oder ideologische Ziele zu erreichen.

Ob eine Tat terroristisch ist, ist also an der Tat selbst zu messen, nicht am Täter. Der Ter-rorismus entspringt nämlich nicht dem Totalitarismus. Er entspringt dem Prinzip der Abschreckung und dieses Prinzip wird auch von demokratischen Systemen angewandt. Human Rights Watch haben darauf hingewiesen, dass bei diversen israelischen Militäraktionen gezielt Zivilisten attackiert wurden (und werden) und insofern haben wir es bei dieser Politik mit einem israelischen Staatsterrorismus zu tun, zu dem sich noch der von Israel unterstützte nichtstaatliche oder halbstaatliche Terrorismus der jüdischen Siedler addiert. Dieser israelische Terrorismus hat mehr Todesopfer gefordert als alle arabischen Vergeltungsschläge zusammengenommen.

An dieser Stelle mag man einwenden, dass sowohl der israelische als auch der arabische Terrorismus illegitim sind, insofern sie unschuldige Opfer in Kauf nehmen, auch wenn sie sie nicht beabsichtigen. Doch dies ist natürlich nicht relevant. Der moralisch relevante Unterschied besteht nicht darin, ob jemand bei seiner Tat den Tod Unschuldiger als Mittel benutzt oder als Nebenfolge akzeptiert, sondern vielmehr darin, ob er ihn begrüßt oder bedauert. Dies ist aber kein Unterschied zwischen Staaten einerseits und sogenannte Terroristen andererseits, sondern zwischen den Menschen, die dahinter stehen.

Doch so sehr wir vergleichen wollen und so sehr wir gleiches Recht für alle fordern, so sehr müssen wir einsehen, dass die Moral und das Recht der Unterdrücker niemals dieselbe Moral sein kann wie die der Unterdrückten. Das können wir sehr klar und deutlich bei Franz Fanon nachlesen. Die Achillesferse solcher Argumente ist nun aber gerade, dass es das von ihr postulierte Recht auf Gleichverteilung von Gewaltrisiken nicht geben kann und gibt, wobei freilich das moralische Recht zur Verteidigung auf Seiten der Unterdrückten ein sehr starkes Recht ist.

Die Israelis leiten ihre Moral und ihr Recht vom Holocaust ab. Aber hängen Recht und Unrecht von heute überhaupt davon ab, was damals geschah? In der Moral geht es um die Le-benden und nicht um die Toten. Und so ist die Geschichte Israels von Anfang an begleitet mit Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit der Israelis, die davon ausgehen, dass die Gesetze der Ethik und Moral für sie nicht gelten. Henryk M. Broder hat es wie folgt ausgedrückt: „Es stimmt, die Israelis sind Täter, aber „Täter-sein“ macht Spaß.

Menschen wie Uri Avnery hat es aber nicht Spaß gemacht. Er hat von Anfang an daran gelitten und gezweifelt. Der Gebrauch Israels von Gewalt und Terrorismus, das Massaker in Dir Jassin, eines ganzen Dorfes unter der Leitung von Menachem Beginn und folgende Massaker in 1954, 1956 und 1982, als unter den Augen der israelischen Armee und ihres damaligen Befehlshabers Ariel Sharon in Sabra und Shatila hunderte von Zivilisten ermordet wurden, haben ihn immer wieder zur Verzweiflung gebracht und zum leidenschaftlichen, klaren und messerscharfen Kritik. Er war aber viele Jahre ein einsamer Rufer in der Wüste. Man betrachtete ihn als Hofclown und nannte ihn bisweilen das „Gewissen Israels“. Aber Israel hatte kein Gewissen, es verfuhr mit den Palästinensern wie es ihm gefiel. Es setzte seine Armee, seine Panzer und Luftwaffe gegen palästinensische Dörfer und Städte, die palästinensischen Führer wurden gedemütigt, Häuser wurden zerstört, unzählige Kombatanten und Zivilisten wurden getötet. Dies erschütterte zwar die Welt – aber nicht die Israelis, ausge-nommen einer kleinen Zahl von Friedensaktivisten, deren strahlende Lichtfigur immer wieder Uri Avnery war.

Dies wurde Israels Krieg gegen den Terrorismus genannt. War aber dieser Krieg nicht selbst Terrorismus? Wäre es zu emotional wenn wir ihn so nennen würden? So emotional, wie die Worte jenes palästinensischen Diplomaten, der in den Fernsehnachrichten an den Holocaust erinnerte und sagte, seine Landsleute seien heute die Juden der Juden?

Den Palästinensern wird von den Israelis genau das moralische Recht eines Volkes verwehrt, das diese für sich selbst sichern und verteidigen. Diese schreckliche Inkonsistenz zeigt sich klar all denen, die nicht verblendet sind, wie Uri Avnery. Da hilft keine Haarspalte-rei. Es ist deutlich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Notwendigkeit bestand, dass die Juden ein eigenes Heimatland bekommen mussten. Zwar hat man damals geglaubt, dass dies auch die Lösung des Antisemitismus-Problems sein würde, aber das hat sich als Traum erwiesen. Es hätte aber nicht an Uri Avnerys Einstellung geändert. Er kämpfte für einen ei-genen Staat für die Juden, nicht aber für einen jüdischen Staat. Uri Avnery hat schon kurz nach dem krieg von 1948 einen anderen Weg aufgezeigt und für diesen Weg immer wieder und eigentlich bis heute gekämpft. Leider wollte die herrschende politische Elite in Israel davon nichts wissen. Uri kämpfte von Anfang an weniger für ein Stück Land mehr oder weniger, als für Achtung und Selbstachtung. Uri hat sich immer wieder gegen die Landenteignung gewehrt.

Sein Buch „Die Kehrseite der Medaille“ verursachte einen Skandal. Aus ihm erwuchsen Wut und Hass. Über Nacht wurde Uri Avnery zum Volksfeind Nummer eins. „Lüge! Betrug!“ schrien die verblendeten Patrionen. „So fluchen unsere Soldaten nicht! Unsere Soldaten morden und stehlen nicht! Sie haben keine Araber vertrieben! Unsere Armee ist die mora-lischste der Welt!“

Ich persönlich hatte einmal folgendes Erlebnis: Ich kam nach Israel und wohnte bei meiner Mutter. Ich hatte bei mir die Abendzeitung Maariv, auf deren Titelseite von israelischen Soldaten berichtet wurde, die einen palästinensischen Jugendlichen während der Intifada lebendig begraben hatten. Als ich das meiner Mutter erzählte sagte sie bestimmend und fast schon beleidigt: „Nein, so was machen jüdische Soldaten nicht“. Es half nicht, dass auch eine jüdische Zeitung darüber berichtete. Sie hielt es für arabische Propaganda.

Wie seltsam war es für Uri dieselben Worte vor einigen Monaten wieder zu hören, als Soldaten, die das Schweigen brachen, von denselben Verbrechen sprachen, von denen Uri sechzig Jahre davor sprach. Und wie seltsam war es vom Mund des unsäglichen Verteidigungsminister und Israelheld Ehud Barak wieder dieselben Worte zu hören: „Unsere Armee ist die moralischste der Welt!“

Während aber für die Taten 1948 Uri einer der letzten Zeugen ist, so gibt es für die Taten heute unzählige Dokumente in YouTube und anderswo.

Dennoch ist eigentlich schon seit 1947/1948 in der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit die Sache der Israelis gerecht, während die Palästinenser alle Terroristen sind. Die Geschichte vor 1948 ist voll gespickt mit israelisch-jüdischem Terror und arabischem Gegenterror oder umgekehrt, wie es dann 60 Jahre lang weiterging. Terror und Vergeltung, Vergeltung und Gegenvergeltung, dass man am Ende nicht mehr wusste, ob die Tat, über die soeben berichtet wurde, eine Vergeltung war, oder eine Gegenvergeltung oder was auch immer.

Jede Seite dieses Konfliktes ist überzeugt, dass sie im Recht ist, dass sie das Opfer der anderen Seite ist. Was beide Seiten berichten ist oft Welten voneinander entfernt. Dies be-zieht sich auf jedes einzelne Ereignis der letzten 100 Jahre.

Uri Avnery hat sich aber immer bemüht auch die andere Seite zu sehen und deren Argumente zu verstehen. Der menschliche Wille ist nicht immer völlig der Vernunft gemäß, das hat schon Kant erkannt. Aber wir müssen uns immer bemühen. Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen, sagte Goethe in seinem Faust.

Uri Avnery bemüht sich schon sein Leben lang, zumindest sein erwachsenes Leben lang, also schon mehr als sechzig Jahren. Kaum war der Krieg von 1948 zu Ende, der Krieg, den die Israelis ihren „Befreiungskrieg“ nennen, während die Palästinenser ihn die „ al Naqba“ nennen, weil er für sie die Katastrophe war, eine Katastrophe, die für viele von ihnen völlig unerwartet und aus heiterem Himmel kam. Da schrieb Avnery schon sein erstes Anti-Krieg-Buch „In den Feldern der Philister“, das in Israel sofort ein Bestseller wurde. Davor, 1947, schrieb er schon eine kleine Broschüre mit dem Titel „Krieg oder Frieden im Semitischen Raum“, in der er schon damals seine These von der Semitischen Union entworfen hat. Weil es aber nur die halbe Wahrheit schildert und Uri schon damals wohl und dieser Charakterzug ist bei ihm bis heute geblieben, sich mit halben Sachen nicht begnügte, schrieb er kurz da-nach sein zweites, noch kritischeres Buch „Die Kehrseite der Medaille“.

Als Augenzeuge schilderte er die Vertreibung der Palästinenser aus ihren Dörfern und die sinnlose Tötung von arabischen Zivilisten. Mit diesem Buch bricht Avnery in der israelischen Öffentlichkeit ein Tabu, das die Israelis heute noch sorgsam pflegen und hüten, nämlich der Mythos von der Reinheit der Waffen. Dies und seine entschiedene Gegnerschaft zur Politik des Staatsgründers David Ben-Gurion führten dazu, dass er eine Zeitlang als Staatsfeind Nummer eins geächtet wurde. Er stellte sich offen gegen die Ashkenasische Elite, aus deren Mitte er stammte, und das obwohl er es sich bequemer hätte einrichten können.

Wer war dieser Uri Avnery, der in seiner Biografie sogar zugibt, Mitglied der revisionistischen Sterngruppe gewesen zu sein. Er wurde 1923 als Helmut Ostermann in Be-ckum/Westfalen geboren und besuchte bis zu seinem 10ten Lebensjahr die Schule, zuletzt das Gymnasium Auguste Viktoria in Hannover, wo Rudolf Augstein, der SPIEGEL Gründer und Herausgeber sein Klassenkamerad war. Er emigrierte 1933 mit seinen Eltern nach Pa-lästina und kämpfte dort als Jugendlicher gegen die britische Mandatsmacht im Untergrund. Im Krieg von 1948 war er Mitglied der legendären Einheit „Samsons Füchse – Shualei Shimshon“, die im Süden kämpfte und den Negev eroberte.

Als Inhaber und Herausgeber leitete er 40 Jahre die Wochenzeitung „Haolam Hazeh“ (Diese Welt), die sich für einen palästinensischen Staat neben Israel einsetzte und für eine Semi-tische Union plädierte. In den Tagen und Wochen nach dem Krieg von 1956 sprach er über diese Idee mit dem Ministerpräsidenten und vielen Ministern, Knessetmitgliedern, Generäle der Armee und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er hielt mindestens einmal die Woche darüber eine Rede in der Knesset, er schrieb darüber in seiner Wochenzeitung. Viele, die diese Idee abgelehnt hatten, geben heute zu, dass es die richtige Idee zur richtigen Zeit war.

Er machte seine Rundfahrt im Lande und traf sich mit den Führern der palästinensischen Öffentlichkeit in den diversen Städten. Allen stellte er dieselbe Frage: Wollt ihr einen palästinensischen Staat errichten? Alle antworteten positiv. Als er das der Knesset mitgeteilt hatte, entwickelte sich eine heftiger Diskurs zwischen ihm und dem Verteidigungsminister Moshe Dayan. Am nächsten Tag schicke der Premie Levy Eshkol einen Gesandten zu Avnery, um zu klären welche Informationen ihm vorliegen. Der Gesandte, der Botschafter Moshe Sasson, besorgte ihm später die Abschrift seines Berichtes an den Ministerpräsidenten, in dem er diesem mitteilte, Avnerys Einschätzungen richtig seien, und dass die Häupter der Palästinenser tatsächlich einen eigenen Staat wollen. Aber, fügte Sasson hinzu, das ist unmöglich: Alle palästinensischen Würdeträger stellten fest, dass ein palästinensischer Staat ohne Ost-jerusalem nicht möglich wäre, und Israels Regierung hat doch beschlossen, dass es niemals auf Ostjerusalem verzichten würde.

1969 starb Levy Eshkol und Golda Meir bestieg die Macht, eine harte und nicht kluge Frau, die verkündet hat, „dass es so was wie das palästinensische Volk nicht gäbe“. Avnery hatte lautstarke Debatten mit ihr in der Knesset. „Verehrte Frau Ministerpräsidentin“, sagte er zu ihr einmal, „es mag sein, dass sie Recht haben und es gibt kein palästinensisches Volk. Aber sechs Millionen Menschen glauben, irrtümlich, dass sie ein Volk sind und sie benehmen sich wie ein Volk, dann sind sie auch ein Volk.“ Danach verkündete sie, dass sie bereit wäre „auf die Barrikaden zu steigen“, um Avnery aus der Knesset zu entfernen.

1982 traf er als erster Israeli Jassir Arafat in Beirut, mitten im Krieg und quer durch die Frontlinie. Es war ein Risiko aber auch ein Durchbruch und eine große Errungenschaft und Arafat wurde bis zu seinem Tode nicht müde davon zu erzählen und es Uri Avnery hoch anzurechnen.

1993 gründete Avnery mit anderen gleichgesinnten Israelis die Organisation Gush Shalom – Friedensblock. Er erhielt als Friedensaktivist, Journalist, Buchautor zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Alternativen Friedensnobelpreis, diesen freilich zusammen mit seiner Frau Rachel.

Ich habe selten einen Menschen getroffen oder kennengelernt, der so konsequent und geradlinig ist wie Uri Avnery und dabei so fest an seinen Prinzipien hält und nicht ein Jota daran ändert. Seine Kraft ist sein Optimismus zu glauben, dass er noch den Frieden erleben würde. Das bedeutet nicht 40 oder 60 Jahre wie versteinert auf derselben Stelle zu stehen. Man kann, darf und soll seine Meinung ändern, wenn es angebracht ist. Nur wer sich wandelt bleibt sich treu. Uri ist sich treu geblieben. Ich habe mich gefreut, als ich bei der Übertragung seiner Korrekturen für die Neuauflage seines Buches aus dem Jahre 1968 feststellen muss-te, dass er nicht mehr wie 1968 von der „israelischen Verteidigungs-Armee“ spricht, sondern überall das Wort „Verteidigung“ gestrichen hat und sich jetzt mit „Israelischen Armee“ begnügt.

Es wäre zu wünschen, dass auch die israelische Regierung dasselbe macht und übrigens auch die deutsche Regierung, denn „Bundeswehr“ ist eine ähnliche Lüge und Fortsetzung der Tradition der „Wehrmacht“ Die Bundeswehr ist genauso wenig eine „Wehr“ Armee wie es die Wehr-Macht war. Es war vielmehr eine Angriffsmacht. Und seitdem die Bundeswehr unsere Freiheit am Hindukush verteidigt, ist es auch eine Angriffarmee. Auch da sollten wir wahrhaftiger werden und unsere Armee das nennen, was sie ist: Streitkräfte.

Vor mehr als ein Jahrzehnt erschien in Israel das Buch eines Militärhistorikers, der Dr. Motti Golani hieß. Darin vertritt er die These, dass alle israelischen Kriege, einschließlich des Krieges von 1948, keine Verteidigungskriege waren, sondern Angriffskriege. Die Kriege von 1956 und 1967 sowieso und der zweite Libanonkrieg von 2006 und die Strafexpedition in Gaza von 2009, in der 1400 Zivilisten massakriert wurden, erst Recht. Natürlich wurde Dr. Golani von der Armee rausgeschmissen und zu persona non grata erklärt. Aber seine Thesen wurden in Israel diskutiert und haben sich für viele Israelis als richtig erwiesen. Uri Avnery hat das schon immer gesagt und geschrieben und ginge es nach ihm, dann wäre der Krieg von 1948, der sogenannte Befreiungskrieg, der erste und letzte Krieg Israels gewesen. Denn vom englischen Joch zu befreien bedurfte es keinen Krieg mehr und zu einem friedlichen Zusammenleben mit den Palästinensern hätte man auch ohne Krieg kommen können, wenn man nur gewollt hätte. Es ging aber leider nicht nach ihm, weil die politische Führung der zionistischen Organisation es nicht wollte.

Bei Bertold Brecht heißt es in einer seiner Kurzgeschichten: Nach vielen Jahren im Exil traf Herr K. einen alten Bekannten. „Du hast dich überhaupt nicht verändert“, sagte dieser. Daraufhin erschrak Herr K.

Das meine ich im Bezug auf Uri Avnery. Er ist immer wieder anders geworden und hat sich dennoch überhaupt nicht verändert. Uri muss sich aber deshalb nicht erschrecken.

Weil die Mehrheit der Israelis den Glauben an Frieden aufgegeben hat, sieht sie Besetzung, Unterdrückung und Terror als Dauerzustand an und kommentiert es mit dem inzwischen geflügelten Wort: Ein Brera – es gibt keine Wahl. Inzwischen umgeben sich die Israelis mit Zäunen und Mauern, die das Leben der Palästinenser erschweren. Manche vergleichen das Leben in Israel mit der Fahrt der Titanic – ein illusorisches Narrenschiff. Die meisten Israelis heute sind in einem Maße ernüchtert, realistisch und zynisch, wie es für die ersten Israelis aus der Generation von Uri Avnery nicht vorstellbar war.

Avnery predigt seit 60 Jahren seinen Landsleuten Moral. Ethik und Wahrhaftigkeit. Er hat sich nicht gescheut ihnen schmerzliche Wahrheiten zu sagen, für die sie ihn gehasst haben. Man beschuldigte ihn der Manipulation und der Lüge, aber nach und nach stellt sich heraus, dass seine Wahrheiten wahr waren und seine Thesen richtig und seine Prophezeiungen genau. Vieles von dem, was er vor Jahren und Jahrzehnten sagte, und dafür diffamiert wurde, ist heute allgemeiner Konsens. Heute wissen wir, dass es Befehle gab die Rückkehr arabischer Flüchtlinge in ihre Häuser zu verhindern und die verbliebenen zu vertreiben; heute weiß man, dass es während des Krieges von 1948 von israelischen Soldaten Gräueltaten an Palästinensern gab und dass es einen syrischen Präsidenten gab, der mit Israel Frieden schließen wollte – und Ben-Gurion hatte es abgelehnt, ihn zu treffen.

Von Barak ist der Spruch überliefert: Die Juden sind nicht gekommen, um im Nahen-Osten zu leben, sondern um Villen im Djungel zu bauen. Damit hat er die kolonialistische Absicht offen zugegeben. In diesem Sinne ist Uri zumindest ein Kolonialist mit Gewissensbisse, der verstanden hat, dass seine Beteiligung an der ethnischen Säuberung, wie es Ilan Pappe in seinem Buch beschrieb, im Grunde in gewissem Sinne schändlich war. Und er war einer der wenigen und der ersten, die das gesehen und eingestanden haben. Uri wurde allerdings zum Kolonialist wider willen und er hat das Beste daraus gemacht. Er hat für sich beschlossen, dass er im Nahen-Osten leben will und hat daraus die richtigen Konsequenzen gezogen.

Ich will beenden mit Uris eigenen Worten, und mit seinem Bekentniss zu Israel, das er neulich anlässlich einer weltweiten Debatte über Israel-Boykott geschrieben hat:

„Ich bin ein Israeli.
Ich bin ein israelischer Patriot.
Ich wünsche mir, dass mein Staat demokratisch, säkular und liberal ist, dass er die Besatzung beendet und mit einem freien und souveränen Staat Palästina, der neben ihm entsteht, in Frieden lebt und auch mit der ganzen arabischen Welt.
Ich wünsche mir, dass Israel ein Staat für alle seine Bürger ist ohne Unterschiede ethni-scher Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Sprache mit vollkommen gleichen Rechten für alle, ein Staat, in dem die hebräisch sprechende Mehrheit enge Verbindungen mit den jüdischen Gemeinden in aller Welt hält und die arabisch sprechenden Bürger die Freiheit haben, ihre engen Verbindungen mit ihren palästinensischen Brüdern und Schwestern und der arabischen Welt im Ganzen zu pflegen.“

Und in seinem Nachwort zu dem Buch, das soeben erschienen ist, schrieb er:

„Ich war optimistisch, als ich dieses Buch vor mehr als vierzig Jahren geschrieben habe, und trotz allem was inzwischen geschehen ist, bin ich optimistisch geblieben. In den sechs-undachtzig Jahren meines Lebens sah ich zu viele Sachen, um in Depression zu versinken.

Ein Jahr vor der Entstehung des Staates Israel haben nur wenige geglaubt, dass es in un-seren Tagen geschehen wird.

Ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer, hat fast kein Mensch geglaubt, dass das möglich sei.

Ein Jahr vor der Wahl Barak Obamas zum Präsidenten der USA, wer hätte geglaubt, dass dies möglich wäre?

Auch wenn es heute aussieht, als ob der israelisch-palästinensische Frieden
weit ist, oder nie kommen würde – der Frieden wird eines Tages kommen.“

Das sagt ein Mann, der am 10. Juni 2005 in Salzburg sagte: „Ich habe in den letzten 71 Jahren meines Lebens keinen einzigen Tag des Friedens erlebt. Ich hoffe und glaube, dass ich den Frieden noch erlebe“. Heute sind es 75 Jahre und Uri glaubt immer noch.

Ich wünschte, ich könnte auch so fest daran glauben.

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