El Sistema: Klarinette statt Pistole

In Venezuela wurde ein weltweit einzigartiges Programm gegen Armut, Drogen und Kriminalität in Gang gesetzt: El Sistema. Mehr als eine Million venzolanischer Kinder durchliefen bereits die kostenlose Ausbildung zum Erlernen eines Musikinstruments. Die Idee stammte 1975 bereits José Antonio Abreu, der sich mit dem Elend in Venzuela nicht abbfinden wollte und der das Programm bis heute begleitet. Nach der Bolivarischen Revolution erhob der neue Präsident Venezuelas, Hugo Chavez, die Initiative zur „Chefsache“ und sorgte dafür, dass jährlich 29 Millionen Euro dafür bereit gestellt werden. „ethecon - Stiftung Ethik & Ökonomie“ zeichnet am 14. März 2008 die beiden Venezolaner für ihr Engagement „zum Erhalt des Blauen Planeten“ in Berlin mit dem „Blue Planet Award 2008“ aus.

von Axel Köhler-Schnura
 
1975 lebte in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Slums. 75 Prozent der gesamten Bevölkerung des Landes gehörten zu den Armen. Hunger, Kriminalität, Gewalt und Drogen waren allgegenwärtig.

75% unter der Armutsgrenze

Zu jener Zeit gab es in Venezuela lediglich zwei Sinfonieorchester, die überwiegend aus europäischen Berufsmusikern bestanden. Der damals 36-jährige José Antonio Abreu hatte die Idee, junge Menschen mit Musik bekannt zu machen. Und zwar die Jugendlichen aus den Armenvierteln. Abreu wollte Musik zur Bildung und seelischen und sozialen Stabilisierung von Kindern einsetzen und so helfen, das für die Kinder und Jugendliche besonders dramatische Elend zu vermindern. „Für die Kinder, mit denen wir arbeiten, stellt die Musik fast den einzigen Weg zu einem menschenwürdigen Dasein dar. Armut - das heißt: Einsamkeit, Traurigkeit, Anonymität. Orchester - das heißt: Freude, Motivation, Teamgeist, Streben nach Erfolg. Wir sind eine große Familie auf der Suche nach Harmonie und jenen schönen Dingen, die allein die Musik den Menschen zu bringen vermag.“

Die erste Probe in einer unterirdischen Garage startete mit 11 Jugendlichen, beim zweiten Termin waren es bereits 25 Interessenten. Dann kamen 46, dann 75 und die steigende Beteiligung zeigte Abreu, dass er sich auf dem richtigen Weg befand. Schon bald nach diesem Erfolg versprechenden Start gründete Abreu die nach dem lateinamerikanischen Freiheitskämpfer Simón Bolívar benannte „Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar“, das „Symphonie-Orchester Simon Bolivar der Jugend Venezuelas“.

„Ich habe die Pistole gegen die Klarinette getauscht“, schrieb ein Teenager über die sozialen Auswirkungen der Orchesterarbeit auf sein tägliches Leben. Kinder, die so den sozialen Aufstieg sichern können, werden also durch die Kinderorchester resozialisiert. Auch kennt Abreu nach eigenen Angaben keinen Fall, dass jemand im Orchester jemals mit Drogen erwischt worden wäre: „Kein Kind, das seine Trompete oder Klarinette liebt, kann in seinem Herzen die Saat der Drogensucht aufgehen lassen. Denn Drogen nimmt nur, wer eine Leere verspürt. Aber wer seine Seele mit der Freude über die Musik erfüllt, der ist nicht anfällig.“ Es sei unmöglich, den gesellschaftlichen Nutzen der Jugendorchester zu quantifizieren, sagt José Antonio Abreu, doch eine lohnende Investition sei das Projekt für den Staat allemal.

Hugo Chavez macht El Sistema zur Chefsache

Während des Ölbooms in Venezuela in den 80er Jahren gelang es Abreu, das Gesundheitsministerium zur Zahlung einer Subvention für sein soziales Unternehmen zu überreden. So entstand „El Sistema“, ein System der Jugend- und Kinderorchester von Venezuela. Kern von „El Sistema“ für die musikalische Ausbildung von Kindern aus armen Familien sind die „nucléos“ genannten Musikschulen.

Mit der Machtübernahme durch die Bolivarianische Revolution unter Hugo Chavez ab 1998 wurde „El Sistema“ zur Chefsache erhoben. Mit Zuschüssen von jährlich 29 Millionen Euro fördert der Präsident über ein entsprechendes Regierungsprogramm die musikalische Ausbildung der Kinder und Jugendlichen Venzuelas.

Kinder werden schon ab dem Alter von zwei Jahren aufgenommen. Jeden Nachmittag an sechs Tagen der Woche strömen Hunderte von Kindern in die meist schäbigen Gebäude. Kostenlos können sie die Musikinstrumente und die Musikstunden nutzen. Darüber hinaus genießen die Kinder eine sichere und gewaltfreie Umgebung. Fehlen ihnen Kleider, Nahrung oder andere Dinge des täglichen Lebens, treten die Musiklehrer mit den Mitarbeitern der örtlichen Sozialdienste in Verbindung. Sobald die Kinder ein Instrument halten können, werden sie in musikalische Gruppen und dann in Ensembles eingeteilt. Diese Mitwirkung ist Pflicht. Bei der Ausbildung werden Singen, Tanzen und Bewegung in großem Maß eingesetzt. Die oftmals indigene Herkunft und Tradition der Kinder wird berücksichtigt. Die autochthonen Instrumente der Indigenen werden in die Orchester integriert. Die Kinder erhalten viel Zuwendung, Aufmerksamkeit und Bestätigung. Fehler werden mit Lachen, nicht mit Rügen und Schimpfen quittiert. Die Kinder werden in einer positiven Atmosphäre ermuntert und nie entmutigt. Sobald die sie ein wenig spielen können, geben sie ihr Wissen an kleinere Kinder weiter.

Über eine Million Jugendliche

So kommt es, dass Venezuela heute über eine weltweit einmalige Musiklandschaft verfügt:

Über eine Million Kinder haben inzwischen die Musikschulen Venezuelas durchlaufen, „El Sistema“ hat Orchester und Musiker von außerordentlicher Qualität hervorgebracht. So etwa den inzwischen weltberühmten Dirigenten des „Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar“, den jungen Gustavo Dudamel. Oder den nun in Paris lebenden Geiger Aléxis Cárdenas. Oder den Kontrabassisten Edicson Ruiz. Ruiz wurde in Caracas von einem Nachbarn zur Musikschule gebracht, weil die Mutter sich über das immer gewalttätigere Verhalten ihres Sohnes sorgte. Mit 17 Jahren wurde er in das Ensemble der der Berliner Philharmoniker aufgenommen und damit das jüngste je aufgenommene Mitglied dieses weltberühmten Orchesters. Auch kommen inzwischen international bekannte Dirigenten wie Claudio Abbado, Sir Simon Rattle und Zubin Mehta jedes Jahr nach Venezuela, um mit den Jugendlichen zu musizieren.

Blue Planet Award 2008

Dass Kinder aus venezolanischen Armenvierteln internationale Karriere machen wie der 25-jährige Gustavo Dudamel, der 2004 gegen fast 300 KonkurrentInnen den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb in Bamberg gewann, ist zwar noch die Ausnahme, aber in praktisch allen Profi-Orchestern Venezuelas findet man ehemalige Schützlinge von Abreu. Der internationale Spitzendirigent Sir Simon Rattle hält die Jugendorchester in Venezuela „für das zur Zeit wichtigste Ereignis in der Welt der klassischen Musik überhaupt“.

Für diese herausragende Leistung menschlicher Ethik zeichnet „ethecon - Stiftung Ethik & Ökonomie“ José Antonio Abreu und Hugo Chavez im Rahmen der ethecon Tagung „Finanzkapital“ in Berlin am 14. März 2009 mit dem „Blue Planet Award 2008“ aus. ethecon sieht in dem Musikprogramm „El Sistema“ einen ethisch überragenden Beitrag zu Rettung und Erhalt unseres Blauen Planeten.
 
 
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