Lieber Herr Köhler-Schnura,
liebe Stifterinnen und Stifter,
liebe Gäste dieser Tagung,

das Datum dieser Tagung ist gut gewählt, denn einer der großen Schriftsteller und Philosophen aller Zeiten wurde an einem 21. November geboren: der Franzose Voltaire. Charakteristisch für diesen Rebellen, der genauso viel Zeit in den Salons des Hochadels verbrachte wie er – aufgrund seiner scharfen Zunge und Königsschelte – im Gefängnis saß, sind Sätze wie dieser:

„Ich kann keinem Ihrer Worte zustimmen, werde aber bis an mein Ende Ihr Recht verteidigen, diese auszusprechen.“

Ich bin sicher, lieber Herr Köhler-Schnura, Sie haben Worte wie diese schon oft gehört. Und dennoch, bei aller Bewunderung für Ihre Arbeit und bei aller Übereinstimmung mit den Inhalten und Zielen der ethecon-Stiftung, kann ich einer Bemerkung, die Sie neulich beiläufig fallen ließen, nicht zustimmen. Ich habe Sie wohlweislich nicht um Erlaubnis gefragt, aber ich bin so frei und zitiere Sie an dieser Stelle:

„Die Leserinnen von (die Zeitschrift verschweige ich) gehören sehr stark in die Kategorie, die gerne zur Absolution greift. Das bedeutet, sie wollen an dem Gefüge nicht rütteln, sie wollen nur das Gewissen beruhigen.“ (Zitatende)

Dieses Urteil hat mich nachdenklich gemacht, und ich habe mir bei meinen Nachsinnen darüber zwei Fragen gestellt:

Lassen Sie mich kurz sinnieren, ob Menschen ein System ändern können. Diktaturen zum Beispiel werden über Nacht aus dem Boden gestampft und über Nacht wieder gestürzt. Sofern der Diktator in der Nacht seines Triumphes überhaupt noch menschenfreundliche Absichten hatte, ist dessen Trachten schon nach kurzer Zeit nur noch von einem Ziel überlagert – dem Überleben des Systems! In der Zeit dazwischen werden Andersdenkende gegeißelt durch Überwachung, Maulverbot, physische wie psychische Gewalt und in schlimmen Fällen auch Folter und Mord. Eine Diktatur kann es also nicht sein, nach der die Menschen streben.

Ich habe mein erstes Lebensdrittel in einer Diktatur gelebt. Und ich werde nie wieder in meinem Leben in so glückliche und so hoffnungsvolle Gesichter blicken können wie damals vor 20 Jahren. Als wir bei unseren häufigen Reisen ins benachbarte Frankenland beobachteten, wie die Stasibaracken peu a peu abgerissen wurden, Panzersperren und Tausende Tonnen aus Stahl und Beton verschwanden, schien das Glück vollkommen und zumindest fühlten wir uns freudig aufgenommen in diesem neuen System, das wir noch vor kurzem den Imperialismus nannten. Der Imperialismus, in dem die Bourgeois oder auch der Klassenfeind wohnen. Die Begriffe „Soziale Marktwirtschaft“ und „Demokratie“ waren uns damals noch nicht geläufig.

Ich darf mich wohl zu den Gewinnern der neuen Zeit zählen (was auch immer Gewinner sind!), aber schon bald nach dem Mauerfall erinnerte ich mich wieder die tiefe Stirnfalte in Tante Lindas Gesicht, die als Rentnerin regelmäßig in den Westen reisen durfte und die uns Kindern nach jeder Reise zu sagen pflegte: „Im Westen ist nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt dort Leute, die keine Arbeit haben.“ Das wiederum erschütterte mich keineswegs. Meine kindliche Fantasie begriff diese Botschaft eher noch als Steigerungsform von Schlaraffenland. Aber schon kurz nach der Wende erlebte ich in der eigenen Familie was das bedeutet, arbeitslos zu sein.

Lassen Sie mich auf meine Ausgangsfrage zurück kommen: Können Menschen ein System ändern? Oder ist es nicht vielmehr so, dass das System und dessen Werkzeuge den Geist des Menschen ändern? Den Kapitalismus hat schließlich niemand erfunden. Er hat sich einfach entwickelt, und erst viel später haben Menschen - so genannte Ökonomen – versucht, dieses Phänomen zu beschreiben.

Eine geballte Ladung an hoch komplexen technischen, geistigen, politischen und wirtschaftlichen Vorgängen geht dem fließenden Übergang in eine neue Gesellschaftsordnung voraus, von deren Geburt die Zeitgenossen vermutlich gar nichts bemerken und deren Name erst später in den Geschichtsbüchern verewigt wird.

Der Steinzeit gaben primitive Werkzeuge ihren Namen. Dampfmaschine und Eisenbahn waren die „Gründungswerkzeuge“ des Kapitalismus. Und das Werkzeug, welches die Globalisierung lostrat, ist das Internet. (Nebenbei: Die Globalisierung ist keine Gesellschaftsordnung, sondern nur ein Prozess). Und vermutlich werden erst unsere Ur-Ur-Ur-Enkel diese gewaltige Revolution begreifen können.

Das Internet – unser Werkzeug – ist das Gefährlichste von allen, weil es das System in kürzester Zeit gespalten hat in verschiedene Kategorien von Menschen. Und damit bin ich bei meiner zweiten Frage: Welche Kategorien von Menschen leben in diesem System?

Da sind auf der einen Seite die Superreichen (sprich: Konzernbesitzer), die 1.125 Milliardäre, die Hälfte davon aus den USA, die per se kein Interesse daran haben können, in eine neue Gesellschaftsordnung – wie sie auch immer heißen könnte - hinüberzugehen.

Dann haben wir die Mächtigen (sprich Politiker), die in Einzelfällen hoch motiviert sein mögen, aber im Sumpf ihrer Parteien bald alle Ideale über Bord werfen. Es geht den Politikern schon längst nicht mehr um die Rettung von Banken, Automobilkonzernen oder Handelsketten, sondern um die Abwehr des Zerfalls in unserer Gesellschaft. Symbolische Handlungen sind heute wichtiger, als Milliarden zu versprechen, die eh kein Mensch mehr hat. Kräftiges Wachstum macht Umverteilung unnötig und verhindert Ärger – im Unterschied zu Umweltschutz oder Menschenrechten. Das ist der Grund, weshalb steigende Unternehmensumsätze das einzige politische Ziel sind, auf das sich weltweit alle Regierungschefs verständigen können. Von den Politikern ist also auch nichts zu erwarten.

Eine dritte Kategorie stellt das krasse Gegenteil dar. Das ist eine beängstigend steigende Anzahl von Menschen, von denen das System laufend in Kauf nimmt, dass sie darin untergehen: die vermeintlich Unqualifizierten, die Hartz-IVEmpfänger, die körperlich oder geistig Benachteiligten, die Obdachlosen. Und schließlich die Lethargischen, die entweder Opfer ihrer Sozialisation oder der Medien geworden sind. Wenn Vater und Großvater nur sauere Trauben gegessen haben, sind die Zähne des Jungen stumpf. RTL und Sat1 erledigen den Rest und degradieren den Jungen Zeit seines Lebens zu einem urteilsunfähigem, unmündigen Bürger, was den Reichen und Mächtigen sehr gelegen kommt.

Dann gibt es eine vierte Kategorie von Menschen, die in der Lage sind, den Opfern die Hand zu reichen, sie aus ihrer Geistesstarre zu befreien und aus ihnen aktive, mündige Mitmenschen zu formen. Diese Menschen haben weder Macht
noch hecheln sie allzu sehr dem schnöden Mammon hinterher. Diese Menschen haben eine eigene Meinung, die sie sich nicht in den Medien bilden, sondern in ihrem Hirn. Und ich glaube, mit all diesen Menschen hat das System etwas Konstruktives gemacht. Sie richten ihre Kraft und ihren wachen Geist in eine Richtung, die den Reichen und Mächtigen zunehmend an den Kragen geht.

150 dieser Menschen hören mir gerade zu. Sie gehören zu dieser Kategorie, sonst wären Sie nicht hier. Und ich muss an dieser Stelle noch einmal provozieren: Mir ist es völlig egal, ob die Konstruktiven politisch, ideologisch, religiös oder spirituell motiviert sind. Entscheidend ist die gemeinsame Richtung und die Bündelung der Kräfte. Der Starke mag kräftig am Fundament rütteln, der Schwache dessen Wunden lecken und der Gläubige für beide beten.

Wenn wir eine neue Gesellschaftsordnung haben möchten, für die es heute noch keinen Namen gibt, dann müssen all diese Menschen zusammenarbeiten. Immer Menschen sind es leid, dass das Geld sich selbst regiert und ihr Leben bestimmen soll. Immer mehr Menschen können diesen Konsum- und Wachstumswahnsinn, den uns Politiker und Konzerne rund um die Uhr verordnen nicht mehr ertragen. (Ich sage nur: Wachstumsbeschleunigungsgesetz!)

Selbst der vor 60 Jahren verstorbene britische Ökonom John Maynard Keynes, der in der Krise so oft herhalten musste, war der Überzeugung, dass eine hoch entwickelte Wirtschaft kein Wachstum mehr braucht. Wenn Wirtschaft als Ganzes ähnlich funktionierte wie der Mensch, bräuchten wir kein Wachstum.

Ein Mensch braucht

Vielleicht erlebe ich es ja noch, dass sich die Leipziger Montags-Demos noch einmal in der Geschichte wiederholen und weltweit eine solche Welle lostreten, dass sich die Menschen in vielen Städten und Ländern gleichzeitig zusammenfinden, um für ihre Rechte zu kämpfen: 200.000 vor dem Reichstag, 70.000 vor dem Bayer-Werk in Leverkusen, 100.000 in St. Louis vor den Toren des perfidesten Konzerns auf diesem Planeten und ganz viele in Indien, in Afrika, in Südamerika und überall in der Welt.

Dieser Montags-Demo würde sich gewiss auch Voltaire anschließen, der sagte: „In der ersten Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben. In der zweiten Hälfte opfern wir Geld, um die Gesundheit wieder zu erlangen.“

Er meinte möglicherweise nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die Gesundheit der Gesellschaft. Vielleicht ist das der Grund, warum die meisten erst in der zweiten Lebenshälfte nachdenklicher werden.

Lieber Herr Köhler-Schnura, ich bin sehr froh, dass ich heute hier sein darf und ich wünsche mir, dass diese Tagung etwas Starkes mit unserem Geist und mit unseren Herzen macht, damit wir das große Ziel erreichen, nämlich eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die nicht den Mammon, sondern den Menschen ins Zentrum stellt.

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