Den diesjährigen Schmähpreis der Stiftung Ethik & Ökonomie ethecon, den Internationalen Black Planet Award, erhält TEPCO, die Tokyo Electric Power Company. Dies ist hoch verdient und höchste Zeit. Der japanische Atomkonzern hat spätestens mit dem katastrophalen Krisenmanagement bei der mehrfach-Kernschmelze im AKW Fukushima gezeigt, dass er nicht in der Lage ist, Atomanlagen verantwortlich zu führen. Für seine unsäglichen Schlampereien, Fälschungen und Vertuschungen ist der Energiekonzern schon seit langem berühmt.

2002 wurde bekannt, dass TEPCO seit Mitte der 1980er Jahre Dokumente gefälscht und selbst gravierende Störfälle vertuscht hat. Ein daraufhin erfolgter Wechsel im Vorstand des Konzerns konnte jedoch keine Abhilfe schaffen: Die Schlampereien bei Inspektionen und Wartungen gingen weiter und mehrere Notabschaltungen mit kritischen Reaktionen blieben weiterhin geheim.

Dass die Katastrophe nicht schon viel früher geschah, war reines Glück.

Fukushima hat uns ein dramatisches Déjà vu beschert. Das Umweltinstitut München e.V., das sich als direkte Reaktion auf die Tschernobyl-Katastrophe gegründet hatte, war sofort in Alarmbereitschaft. Unsere Telefone liefen heiß, vielen Menschen kam die chaotische Informationspolitik von damals wieder ins Bewusstsein. Das Vertrauen in offizielle Messdaten oder gar Bewertungen und Empfehlungen ist nach wie vor gering, die Menschen wenden sich wie damals lieber an unabhängige Institutionen.

Wir hatten nach Tschernobyl den Vorteil, dass es bereits eine aktive Anti-AKW-Bewegung, aus der Friedensbewegung geboren, gab. Dazu auch kritische Wissenschaftler, die einst in der Atombranche tätig waren, aber aufgrund der unkalkulierbaren Risiken der Atomtechnik auf die andere Seite wechselten. Solche Voraussetzungen fehlten in Japan gänzlich. Für uns ist völlig unverständlich, dass ein Land, das zwei Atombombenabwürfe erleben musste und die gesundheitlichen Folgen noch heute spürt, so gleichgültig mit Atomkraft umgeht. Noch dazu, da starke Erdbeben und Tsunamis in Japan keine Seltenheit
sind.

Umso erfreulicher ist es, dass nun zunehmend Japanerinnen und Japaner zur Selbsthilfe greifen. In den vergangenen Monaten hatten wir mehrmals Besuch von interessierten japanischen BürgerInnen, die sich über unsere Arbeit nach Tschernobyl erkundigten. Vor allem unsere Möglichkeit, Radioaktivitätsmessungen
mit einem Gammaspektrometer durchzuführen und unsere kontinuierliche Außenluftüberwachung stoßen auf hohes Interesse. Die häufigsten Fragen aus Japan sind: Welche Maßnahmen kann ich als Einzelner für mich und meine Kinder ergreifen? Wie kann ich mich vor Strahlung schützen? Kann ich den offiziellen Einschätzungen trauen? Was kann ich noch essen? Wie kann ich selbst Messungen und Bewertungen vornehmen?

Unsere Antworten und Empfehlungen werden dankbar mit nach Hause genommen.

Wir bekommen Bodenproben, die wir auf Radioaktivität untersuchen, denn unabhängige Gammaspektrometrie-Messungen gibt es in Japan bislang noch wenige. Außerdem sind wir demnächst in der Lage, Alpha- und Betastrahler wie Plutonium und Strontium zu messen. Das neue Messgerät wird gerade angeschafft. Gerne bieten wir weiterhin unsere Hilfe an und bleiben mit unseren japanischen
Freunden in Kontakt.

Inzwischen gibt es erste Organisationen in Japan, die gerade dabei sind, ein unabhängiges Messnetz aufzubauen. Wir hoffen, dass es dadurch rasch gelingt, der japanischen Bevölkerung verlässliche Informationen an die Hand zu geben. Und dass sie selbst ein starkes Gegengewicht zur noch immer atomfreundlichen
Politik und Wirtschaft in Japan aufbauen können. Atomkraft hat auch in Japan keine Zukunft, die Energiewende muss beschleunigt angegangen werden. Vor allem hoffen wir, dass die unverantwortliche Erhöhung der jährlichen Dosis-Grenzwerte für Kinder wieder zurückgenommen wird. Die Evakuierungszonen müssen ausgeweitet werden, gerade die Kinder müssen besser geschützt werden.

Im Grunde ist ein Negativpreis gar nicht ausreichend, TEPCO müsste die „Rote Karte“ gezeigt bekommen. Wir wünschen unseren japanischen Freunden, dass die neue Regierung härter durchgreift und TEPCO die Lizenz als AKW-Betreiber entzieht.

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