
Hans See, Zustifter von ethecon,
Prof. für Wirtschaftskriminologie
und Freund von Jean Ziegler
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Jean Ziegler ist tot. Am 10. Juni 2026 starb er im Alter von 92 Jahren. Seinem Tod sah der ansonsten Furchtlose schon als junger Mann mit unüberwindlicher Angst entgegen.
Diese Angst hat er 1975 erstmals in einem in Paris erschienenen Buch öffentlich gemacht. Sie wurde zum zentralen Thema seines Lebens. Das Buch wurde 1977 unter dem Titel: „Die Lebenden und der Tod“ ins Deutsche übersetzt. Es wurde in viele andere Sprachen übersetzt. Im Jahr 2000 wurde es – von ihm überarbeitet und mit einem Vorwort versehen – bei Goldmann als Taschenbuch neu aufgelegt.
In Fachkreisen gilt es als eines der Standardwerke der „Soziologie des Todes“. Doch auch Laien können es mit großem Gewinn lesen. Die Todes-Soziologie, die unabwendbar darunter zu leiden hat, dass – wie Ziegler beklagte – niemand über seinen eigenen Tod zu berichten vermag und jeder Mensch (auch der Forscher) ihn nur durch die Erfahrung des Todes von Mitmenschen, also nicht selbst, erlebt. Eigentlich eine Banalität, die aber nach allem, was ich als langjähriger Freund und Mitstreiter Jean Zieglers über ihn und auch von ihm selber weiß, der Generalschlüssel zu seiner selbst von Freunden oft nicht verstandenen Weltanschauung, seines theoretischen Gerüsts und seiner sozialen und politischen Praxis ist.
Ziegler stellt dort kritisch fest: „Der Tod ist das große Tabu unserer Gesellschaft. Das ist gewollt. Die kapitalistische Warengesellschaft reduziert den Menschen auf seine Qualität als reaktive Zelle im Produktions- und Konsumprozess. Seine Existenz erschöpft sich in jener eines bloßen Funktionsträgers der kapitalistischen Akkumulations- und Profitmaschine. Das Bewusstsein seiner eigenen Endlichkeit jedoch schafft Schicksal, Bewusstsein der radikalen Singularität, der Einzigartigkeit des eigenen Lebens. Kein Moment kehrt je zurück. Keiner gleicht einem anderen. Der Tod macht uns zu verantwortlichen Subjekten unserer eigenen Existenz. Um die Angst vor dem eigenen Tode wenigstens teilweise zu mindern, gibt es nur einen Weg: jeden Tag – durch Gedanken, Taten und Träume – so viel Glück für sich und die anderen, so viel Sinn zu erschaffen, dass, am Ende des Lebens, dieses Leben seiner eigenen Negation so viel Sinn wie möglich entgegenzustellen vermag.“ Diesen Weg hat er gefunden, und ist ihn gegangen. Trotz aller Niederlagen mit großem Erfolg.
Doch fällt seinen Gegnern dazu überhaupt nichts ein.
Als Jean Ziegler 2012 von Axel Köhler-Schnura in Berlin der „Internationale ethecon Blue Planet Award“ überreicht wurde, hatte ich die große Ehre, die „Laudatio“ halten zu dürfen. Ich habe damals einen ersten Versuch unternommen, Zieglers Leben und Werk, seine sozialen und politischen Aktivitäten und Interventionen durch Einblicke in Gedanken und Ergebnisse dieses ungewöhnlichen Forschungsprojekts bewusst zu machen. Denkweise und Wissenschaftsbegriff Zieglers überschreiten nun einmal ermutigend die Grenzen, die ihr von Politik, Kapital und kapitalfrommen Medien (trotz Freiheitsgarantien) gezogen werden. Und Heerscharen von Konformisten, die Angst vor einem Karriereknick haben, ignorieren dieses besondere Werk in ihren Nachrufen, füllen ihre Zeilen über den „höflichen Provokateur“ (FR 12.5.26) lieber mit uralten, irgendwo abgekupferten Unterstellungen, Kränkungen und Herabsetzungen. Sie verraten damit nicht nur Zieglers höchstes Lebensziel, sondern auch, dass es sich in der Regel um Autoren handelt, die ihm einfach nicht das Wasser reichen können.
Die 2004 von Axel Köhler-Schnura und Gudrun Rehmann gegründete Stiftung ethecon sowie die 1991 von mir und Dieter Schenk gegründete Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control, die als Organisationen und Personen eng zusammenarbeiten und Jean Ziegler sehr viel verdanken, trauern um ihn und werden alles versuchen, in seinem Geist, in seinem Sinn, mit seinen Zielen den gemeinsamen Kampf für soziale Gerechtigkeit, friedliches Zusammenleben der Völker und die Bewahrung unseres blauen Planeten ohne Wenn und Aber fortzusetzen.
Mit seiner Familie, insbesondere seiner Frau Erica Deuber Ziegler, ohne deren unermüdliche und solidarische Unterstützung seiner Kämpfe er diese nicht hätte bestehen können, aber auch mit allen, vor allem den kapitalismuskritischen Zivilgesellschaften, auf die er immer rechnen konnte und auf die er seine Hoffnungen setzte, trauern wir um einen liebenswerten Menschen, einen Freund, einen Lebensretter, und um den Propheten einer besseren Welt, die – wovon er uns mit Worten, Schriften und Taten überzeugt hat – tatsächlich möglich ist.
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Laudatio Prof. Hans see
https://www.ethecon.org/ethecon-preise/die-preise-2012/prof-dr-hans-see-laudatio-2/ —
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Dankesrede Jean Ziegler
https://www.ethecon.org/ethecon/jaehrliche-preisverleihungen/preisverleihung-2012/dankesrede-prof-jean-ziegler/
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Hans See (*1934), Prof. für Wirtschaftskriminologie und Freund von Jean Ziegler erlernte den Beruf des Werkzeugmachers, erwarb den Realschulabschluss an einer Abendschule und erlangte die Allgemeinen Hochschulreife. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie, war Professor für Politikwissenschaft, Sozialpolitik und Wirtschaftskriminologie, Lehrbeauftragter beim Bundeskriminalamt, der Führungsakademie der Polizei und der Polizeifachhochschule. Zudem war er umfangreich in der Erwachsenenbildung bei Volkshochschulen, Gewerkschaften, der Neuen Richtervereinigung, Attac und der Katholischen Akademie Trier tätig. Aus seinem vielfältigen ehrenamtlichen Engagement sind die Gründung des gemeinnützigen Vereins Business Crime Control sowie die Zustiftung bei ethecon Stiftung Ethik & Ökonomie besonders hervorzuheben.